Deutscher Export als Voraussetzung britischer Lieferungen

Der Präventivkrieg der Interessenten in der britischen Presse gegen den nun anlaufenden deutschen Export hat bei uns eine Flut von Entgegnungen ausgelöst. Die Politiker, Wirtschaftler und Kommentatoren, die gegen die englische Handelseifersucht Stellung nehmen, verwenden aber überwiegend Argumente defensiver Natur. Von der Beteuerung, daß wir keine Konkurrenz auf dem Weltmarkt sein wollten, bis zur Feststellung, daß die Konkurrenz schon bestehe oder doch zwangsläufig kommen werde und daß man folglich zur Vermeidung unliebsamer Weiterungen sofort einen „Welt-Export-Verteilungsplan’ aufstellen müsse, ist diesbezüglich wohl alles Denkbare gesagt oder geschrieben worden. Die Erkenntnis aber, daß der Export dem Import wie Geben und Nehmen gegenübersteht, ist darüber wohl zu kurz gekommen-

Ein Vortrag von Dr. Ernst Samhaber, gehalten vor der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft in Hamburg über das Thema: „Kann Deutschland einen Jahresexport von 2,8 Mrd. $ schaffen?“, hat diese Seite des Problems besonders betont. Ernst Samhaber, unsern Lesern bekannt als der erste Chefredakteur der „Zeit“, jetzt Leiter der Wirtschaftsredaktion bei der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“, stellte den britischen Exporteuren, die jetzt die öffentliche Meinung ihres Landes mobilisieren wollen, gewisse „volkswirtschaftliche Binsenweisheiten“ entgegen, nämlich einmal, daß das Ganze mehr ist als die Summe der Teile, zum zweiten, daß nur der auf die Dauer importieren kann, der zu exportieren vermag. Dem Importland steht, in der wirtschaftlichen Wechselwirking, also immer ein Exporteur gegenüber. Wenn also der englische Außenhandelskaufmann sich gegen deutschen Export wehrt, so verhindert er mit seinem kleinlichen Interessentenstandpunkt nur, laß Westdeutschland importfähig wird und folglich auch keine britischen Waren (oder solche aus dem Empire) mehr kaufen kann. Weiter betonte Dr. Samhaber, daß es eine falsche Fragestellung sei, wenn aus der Parallelität der englischen und der trizonalen Wirtschaftsstruktur geschlossen würde, Großbritannien und Westdeutschland müßten sich in der Weltwirtschaft stoßen. Der Welthandel ist eben „kein Kuchen, aus dem jedem Land ein mehr oder weniger großes Stück zusteht“. Je größer die Importbereitschaft der Welt sei, desto größer sei auch die Exportfähigkeit. Es sei daher eine deutsche Aufgabe, den Außenhandel der Welt auszuweiten, dem „Kuchen“ also ein Stück durch Export hinzuzufügen, um dadurch importfähig zu werden – anderen folglich den Export nach Westdeutschland zu ermöglichen –, ohne den amerikanischen Steuerzahlern auf der Tasche zu liegen, Es ist nun die Frage, wer für deutsche Waren „importbereit“ ist. Da sind die künstlichen politischen Hemmungen im Formularkrieg, da ist die Bevormundung und die Kontrolle durch die JEIA, ihre handellsvertragliche Praxis; da ist die Dollarklausel, über deren Abschaffung in Frankfurt und Washington eifrig diskutiert werde, weil heute der Importeur deutscher Waren so gestellt ist, als müsse er in den USA kaufen; da ist die Doppelrolle, die die Militär-Gouverneure als Kontrolleure und Treuhänder zu spielen genötigt sind; da ist der hemmende, nicht endenwollende Streit um Demontage, Entflechtung, Patente – aber ohne solche politische Hemmungen seien, so meint Dr. Samhaber, viele Staaten der Welt heute bereit, deutsche Güter zu kaufen.

Es habe sich nämlich, während der Abgeschlossenheit Deutschlands vom Weltmarkt, ein Strukturwandel in der Weltwirtschaft vollzogen, der bis zum Ablauf des Marshall-Hilfe sich durchgesetzt haben werde. Dank dem Fortschritt in der technischen Entwicklung, der für die USA während der letzten zehn Jahre eine Steigerung der Produktivität um 90 v. H. mit sich gebracht habe, und der Industrialisierung der jungen, in der Emanzipation befindlichen Staaten seien die Bedürfnisse der einzelnen, die die Zivilisation kennengelernt haben, so gesteigert worden, daß mit einer nachhaltigen Nachfrage nach Importen in aller Welt zu rechnen sei. Dennoch wären, trotz dieser Einfuhrbereitschaft, die realisierten Importe aus Deutschland deshalb gering, weil die Bezahlung heute eben nur mit Dollars erfolgen könne, die zuvor im Geschäft mit den USA erarbeitet sein müßten. Weil die Vereinigten Staaten jedoch infolge ihrer autarken Position auf Importe kaum angewiesen sind, so daß 6et sehr schwer ist, Dollars zu verdienen, sei für uns die Dollarklausel ein unwirtschaftlicher Hemmschuh, der verschwinden müsse. Dann läge der Entscheid, ob man bei uns kaufen will oder nicht, beim Kunden. Sein Votum sei real entscheidender als die einseitige Schwarzmalerei von Konkurrent furcht geplagter kurzsichtiger Interessenten.

Gelänge es, die Abschaffung der Dollarklausel und der JEIA zum Wohle eines weltoffenen Außenhandels durchzusetzen und der Welt zu erklären, daß nur wirtschaftliche Gesichtspunkte und nicht private Eifersüchte zur Gesundung der Weltwirtschaft beitragen, dann brauche man, so sagte Dr.Samhaber, nicht die Frage zu stellen, ob 2,8 Mrd. $ Jahresexport zu Ende der Marshall-Hilfe zu schaffen seien; Dann ware Deutschland in der Lage, soviel zu exportieren, als es zu importieren vermag, sofern es, was durchaus möglich erscheint, mit preiswerter Quart litätsware auftrete. W-n