Man hat es den großen, alten Knut Hamsun bitter entgelten lassen, daß er sich betören ließ, das Heil seines Landes und Volkes in den Händen eines Hitler wohl geborgen zu glauben. Dabei fiel als erschwerender Umstand ins Gewicht, daß es sich nicht allein um den siegreichen Feind handelte, der das friedliche Volk gewaltsam überfallen hatte, sondern obendrein um einen grundsätzlichen Tyrannen, dessen Machtgier an den Grenzen seines eigenen Landes keineswegs haltzumachen gesonnen war. Heute steht eine andere, Tyrannis bereit, Europa und die übrige Welt unter ihre Diktatur zu zwingen, sobald die Zeit dafür gereift erscheinen wird. Und es finden sich wiederum bekannte Dichter, die das Heil besingen, das von dort kommen soll.

Der Däne Martin Andersen Nexö hat in einem offenen Brief an einen holländischen Sozialdemokraten davon geschwärmt, daß „nicht weit von hier eine ganze Welt liegt, die uns ein gutes Beispiel gibt, wo man fröhlich arbeitet und wo alle Hände tätig sind, wo man sich von Verrätern, Faulpelzen und Schwächlingen befreit hat und wo man froh ist, daß man fleißig arbeiten kann, ohne dabei Angst vor Ausbeutung durch andere zu haben“. Das sind Melodien, die auch der drollige Plauderer Dr. Ley, fast buchstäblich, oft aus seiner begeisterten Leier schlug – und er meinte das schändlich ausgebeutete und unterjochte Deutschland. Nexö meint Sowjetrußland, und er fügt hinzu: „Dort ist mein Herz und mein Wille.“

Der dänische Dichter ist sicherlich ein gutgläubiger, reiner Idealist. Hamsun war es wohl auch. Ein scharfer Denker, skeptischer Kopf und kühler, überlegener Realist hingegen ist der große Ire Bernard Shaw. Wenigstens mußte man ihn bisher dafür halten, und er setzte alle. Mittel seiner Originalität dafür ein, daß die Welt nicht vergesse, ihn in diesen seinen bewährten Eigenschaften zu erkennen und zu würdigen. Vor Jahren schrieb er einen witzigen Roman „Der Amateursozialist“ – eine geistreiche Satire ganz offenbar nicht nur auf den „Amateur“, sondern auch auf den Gegenstand seiner Liebhabern. Nun ist er auf seine ältesten Tage selbst zum Amateurbolschewisten geworden.

Shaw schrieb zur Begrüßung der Arbeiterzeitung „Daily Mirror“ in neuer Aufmachung einen Aufsatz, in dem er rauschend in die Saiten greift, um ein Preislied auf die Sowjetunion zu singen. Wenn er meint, „ein Mensch, der nicht im Grunde Kommunist ist, ist kein zivilisierter Mensch“, so ist das eine These, über die sich streiten läßt. Sie hat viel für sich, einiges – eben als verallgemeinernde These – auch gegen sich. Aber der richtige Amateurkommunist offenbart sich, wenn er die Argumente, mit denen die Weltsich gegen den Weltherrschaftsanspruch des Bolschewismus wehrt, allzu witzig als „tote Katzen“ bezeichnet, die „streitsüchtige Vorstädter“ einander über den Gartenzaun werfen“. Solche toten Katzen seien etwa das „totalitäre Regime“, der „Polizeistaat“, oder die „Verteidigung gegen die russische Aggression“.

Über die unheimliche Lebendigkeit dieser toten Katzen sind wir besser unterrichtet als Bernard Shaw – der weit vom Schuß in seiner Amateurklause sitzt. Er saß auch während der tausend Jahre nicht in Deutschland und weiß daher nicht, daß Nationalsozialismus, Faschismus und Bolschewismus feindliche Brüder sind, die sich nur deshalb so bitter bekämpfen, weil jeder von ihnen dasselbe will, was der andere will: nämlich Macht, Herrschaft, Unterdrückung der Welt und allgemeinste, hemmungsloseste Ausbeutung. Was hat das mit Kommunismus zu tun? Nur der Amateurkommunist kann sich darüber täuschen (oder täuschen lassen), daß es um etwas ganz anderes dabei geht: um die Verneinung der persönlichen Freiheit und der selbstverantwortlichen Würde des Menschen. Daß diese auch im „Westen“ ein Ideal bleiben, hinter dem die Realität bisweilen zurücksteht, wissen wir auch. Aber wir wissen ebensogut, daß jede Diktatur dieses Ideal aus Grundsatz beseitigen muß. Sollte Mr. Shaw dies nicht unterscheiden können?

Wäre er weniger witzig gewesen, wäre er weise geblieben. P. S.