Von André Maurois

Gegenwart und Abwesenheit waren lange Zeit klare und deutliche Begriffe. Die Helden aus „1001 Nacht“ und aus den Ritterromanen brauchten einen Zauberer, um das Bild der fernen Geliebten heraufzubeschwören. Die Stimme eines Toten oder Reisenden war eine bald vergessene Erinnerung. Ein Porträt bewahrte das Bild, aber unbeweglich, unveränderlich, während das Modell sich wandelte. Die Erfindung des Telefons schwächte die Idee der Abwesenheit ab. Marcel Proust, der in jener Zeit lebte, als die kleinen senkrecht an der Wand befestigten Holzbretter, die das magische Instrument trugen, in den französischen Häusern Eingang fanden, hat das Glück beschrieben, das diese Wunder denjenigen schenkte, die es noch als solches empfanden. Dann kam das Grammophon, und die Stimme hörte auf, sterblich zu sein. Der Film erlaubte, die Bewegungen, die vertrauten Haltungen wiederzusehen und fing, als er zum Tonfilm wurde, an, die Gestalten wiedererstehen zu lassen. Was fehlte noch an ihrer Gegenwart? Die Farbe. Auch sie wird schon festgehalten. Das Plastische? Das Problem ist gelöst. Und schon spricht man davon, auch die Tast- und Geruchsempfindungen zu übertragen. Dem Fernsehen wird sich das Fernfühlen und das Fernriechen zugesellen. Trotz ihrer Abwesenheit wird die ferne Geliebte gegenwärtig sein. Nicht künstlich, sondern wirklich und in jedem Augenblick von ihrem eigenen Leben erfüllt.

Vor einigen Wochen nun kamen zwei junge Franzosen zu mir, um mir einen kühnen Plan zu unterbreiten, für dessen Ausführung sie schon allerlei Vorstudien gemacht hatten.

Sie zeigten mir etwas, das wie eine kleine Broschüre aussah, als sie es aber öffneten, sah ich, daß der Umschlag ein Kasten war, in dem sich in verschiedenen Lagen gedruckte Texte, ein Bild, eine Schallplatte und ein aufgerollter Film befanden:

Dieses ist ein völlig neuer Buchtyp, den wir verwirklicht haben. Wir möchten jedem großen Menschen unserer Zeit und aller Länder einen solchen Band widmen. Der Leser soll hier einen, wenn möglich sonst unveröffentlichten, Text finden, worin jeder dieser großen Menschen das Wesen seines Werkes oder die Konzeption seines Berufs darstellen sollte. Eine Biographie, von einem anderen begabten Autor geschrieben, eine von der Stimme des Helden aufgenommene Schallplatte würde es ermöglichen, ihn beim Lesen eines seiner beliebtesten Texte zu hören. Ein Film, der ihn in seiner vertrauten Umgebung zeigt, soll seine physische Gestalt der Zukunft erhalten. Auch ein selbstgeschriebenes Manuskript, einige Zeichnungen, und der Abdruck seiner Hände soll beigefügt werden. Wir wissen natürlich, daß das Werk eines Schriftstellers immer die lebendigste Erinnerung an ihn sein wird; aber unsere Dokumente werden dazu dienen, das Werk zu erhellen. Nicht wahr? Wenn wir persönlich einen Dichter kennen, glauben wir doch, wenn wir ihn lesen, seine Stimme zu hören, und dieses Merkmal seiner Natur erhöht unseren Genuß... Der geniale Biograph wird sich unserer Porträts bedienen, um das seine zu zeichnen, unserer Platten, um eine berühmte Stimme, wiederzugeben. Wir verderben nichts Bestehendes; wir fügen etwas hinzu. Dies ist der Zweck unserer „Unsterblichkeitsausgabep“.

Man kann sich denken, daß ich mehr als einen Einwurf machte. Ist es nicht doch wünschenswert, daß der Autor zurücktritt, je mehr er von dem Nebel der Vergangenheit umgeben wird? Wer weiß, ob nicht Homer, wenn wir ihn kennen würden, uns den Genuß der Ilias schmälern würde? Worauf sie antworteten, daß ich ja selbst Biographien geschrieben hätte, und das beweise ganz augenscheinlich, daß mein Interesse für den Autor über das Werk hinausgehe, und übrigens würde ihre Sammlung nicht nur Schriftstellern gewidmet sein.

Was bleibt bei dem gegenwärtigen Zustand unserer Bibliotheken von einem großen Prediger, einem großen politischen Redner, einem großen Schauspieler? Wir werden sie lebendig erhalten. Ein großer Athlet war zu seinen Lebzeiten ein bewundernswertes menschliches Schauspiel. Wir werden es für künftige Generationen bewahren. Man kann darüber Berichte lesen? Nicht immer, und außerdem entstellt jede Beschreibung... Wir zeigen den Menschen, wie er ist.