Der Präsident des argentinischen Wirtschaftsrates, Don Miguel Miranda, mußte zurücktreten, weil seine Außenhandelspolitik gescheitert ist und Argentiniens Agrarerzeugnisse nicht mehr am Weltmarkt abgesetzt werden können. Er wird für seinen Rücktritt sicherlich die ECA, die Washingtoner Zentrale des Marshall-Plans, als die „imperialistische Beherrscherin der Rohstoffmärkte“ verantwortlich machen. Vielleicht wird er auch sagen, Wallstreet habe durch die ECA als das Instrument des amerikanischen Imperialismus der Autarkiepolitik Perons den Todesstoß versetzt. Die Gegenseite wird dagegen argumentieren: Die ECA übe dank der Änderung der Marktlage als Käufer von Marshall-Plan-Gütern endlich einen solchen Einfluß aus, daß Überpreise nicht mehr bezahlt zu werden brauchen und sogar Argentinien sich beugen mußte.

Argentinien hatte bisher dank dem Warenhunger der ganzen Welt und dank der Politik Mirandas eine starke Stellung. Dieser gebürtige Spanier, der sich vom kleinen Handwerker zum Fabrikanten und Multimillionär emporgearbeitet hat, hatte nämlich ein kompliziertes System von Devisenkursen und Außenhandelsmaßnahmen ausgearbeitet, um für die Ausfuhr möglichst viel zu erlösen und Rohstoffe und Produktionsmittel der heimischen Wirtschaft billig zur Verfügung zu stellen. Schacht war im Vergleich zu Miranda ein Waisenknabe. Auf diese Weise sollten auch die sechseinhalb Milliarden Pesos zur Finanzierung des argentinischen Fünfjahresplanes beschafft werden. Argentinien hat also durch das Mirandasche Außenhandelsinstitut die Not der anderen Länder zur Finanzierung seiner Autarkiepolitik ausgenutzt Damit war es vorbei, als seit etwa Mitte vorigen Jahres auch anderswo genügend Weizen und Mais angeboten wurde und die ECA den Grundsatz aufstellen konnte, daß für Marshall-Plan-Güter keine Preise gezahlt werden dürfen, die über denen der USA. liegen. Argentinien fiel somit mit seinen Preisen als Lieferant im Rahmen des Europäischen Hilfsprogramms aus. Der Peso rutschte ab. Der Dollar wird heute mit 10 Peso gehandelt gegen vier Peso beim Amtsantritt Mirandas. Argentinien müßte erhebliche Zugeständnisse machen, wenn es Frieder Weizen, Mais, Leinsaat, Fleisch liefern will Als reuiger Sünder wird es an der Weltweizenkonferenz teilnehmen und bei den kommenden Handelsvertragsverhandlungen mit Großbritannien vielleicht sehr dankbar dafür sein, daß sein wirtschaftlicher Aufbau mit englischem Kapital erfolgte.

Falsch wäre aber der Schluß, daß die argentinische Autarkiepolitik oder gar die Stellung Perons erschüttert seien. Peron ist immer so klug gewesen, zwei Pferde im Stall zu haben: Neben Miranda den früheren Rechtsanwalt und jetzigen Außenminister Dr. Bramuglia, der im Gegensatz zu den wenig diplomatischen Methoden Mirandas um die Pflege internationaler Beziehungen bemüht ist. Argentiniens Diktator hat jetzt das Glück, daß Dr. Bramuglia seit der letzten UNO-Tagung weiten Kreisen bekannt ist, nachdem er bis vor kurzem nur der wenig/erfolgreiche Gegenspieler Mirandas war. Nach außen trat bisher vorwiegend Miranda in Erscheinung, der nicht nur den Kurs der Binnen Wirtschaft, sondern auch die Außenhandelspolitik bestimmte. Mit Miranda geht sein engster Mitarbeiter, der Präsident der Zentralbank. Maroglio. Zwei junge Kräfte werden das Erbe antreten, Dr. Alfredo Gomez Morales als Leiter der Zentralbank und Dr. Roberto Ares für die Handelsvertragsverhandlungen. Es heißt daß beide aus dem engeren Kreise um Bramuglia stammen und wie dieser die Notwendigkeit internationaler Beziehungen erkannt haben.

Miranda geht zwar, aber der Unterschied zwischen ihm und Bramuglia liegt nur in der Methode und den Formen. Auch Bramuglia ist für das Autarkiesystem Perons. Diese Politik ist zugleich die des bodenständigen Argentiniens im Gegensatz zum Weltbürgertum von Buenos Aires. Sie stellt das Interesse der breiten Masse über das der wenigen Bevorrechtigten. Stärker als Miranda sind sich aber Bramuglia und Peron der Grenzen einer solchen Politik bewußt. Die wirtschaftliche Basis Argentiniens soll zwar verbreitet werden – Argentinien will zum Beispiel nicht nur einfache Textilien herstellen, sondern auch Qualitätswaren, diese färben und bedrucken und sogar exportieren –, Peron weiß aber, daß Argentinien seine Agrarerzeugnisse ausführen und vieles einführen muß, wie etwa Kohle, Maschinen, Fahrzeuge und andere Fertigwaren. Auch braucht Argentinien dringend Qualitätsarbeiter und erfahrene Techniker. Das bedeutet Abhängigkeit vor allem von den USA. Peron trug dem Rechnung, obgleich er gegen den Widerstand der USA gewählt worden war. Aber Miranda achtete darauf, daß die Abhängigkeit nicht allzu fühlbar wurde. So stammt von ihm das Wort, daß er sich lieber die Hand abhacken ließe, als eine Dollaranleihe aufzunehmen. Perons Ziele gingen sehr weit Er hat nicht nur durch Rückzahlung von früheren Schulden an Großbritannien, die USA und andere Länder gewisse Überfremdungen beseitigt, sondern sogar europäischen und lateinamerikanischen Staaten Anleihen angeboten und gewährt, damit diese „sich vom Druck des Dollarimperialismus freimachen können“. Auf der ersten Wirtschaftskonferenz der La-Plata-Staaten hat er den kleineren Nachbarstaaten und sogar Brasilien eine Zollunion vorgeschlagen. Dies waren Großmachtträume. Heute weiß Peron, daß diese Politik über die Kräfte seines Landes geht. Er opferte Miranda in der Hoffnung, daß Bramuglia einen Ausweg findet.

W. G.