Es gibt überall „schwarze“ Schafe: in der Großstadt, in der Kleinstadt und auf dem Lande, in der Industrie und im Handel, in den Ladengeschäften und im ambulanten Gewerbe. Es wird sie wahrscheinlich immer geben. Ihre Zahl steht im umgekehrten Verhältnis zu der Ausgeglichenheit der wirtschaftlichen Bedingungen. Je sicherer und geklärter die wirtschaftliche Lage und je geringer die Ansprüche des Steuerfiskus, um so mehr schrumpft die Zahl der „Schwarzen“ zusammen. Sie sind gewissermaßen ein negatives Barometer des geschäftlichen Anstandes und der staatlichen Autorität.

Das Spinnstoffgewerbe bewegt sich seit Juni 1948 in der völlig ungewohnten Marktwirtschaft. Die Industrie kennt (bis auf einige Reste) keine Bezugsrechte mehr. Der Einzelhandel trägt vorläufig noch die Fessel der Verbrauchsregelung; er muß (oder soll?) den größten Teil der Waren gegen Punkte verkaufen. Dieser zweigleisige Warenablauf wurde für die „Schwarzen“ ähnlich verführerisch, wie es früher die Zwangswirtschaft war. Nur haben sich die Vorzeichen geändert. Vor der Währungs- und Spinnstoffreform lief der größte Teil der Waren an den ordentlichen Handelskanälen vorbei: ohne Bezugsrechte, „schwarz“ oder „grau“. Der Strohmann und der „schwarze“ Eckensteher waren in diesem Spiel Mittler und letzte Verteilungsstufe, der Deputatempfänger der mehr oder weniger legale Nutznießer. Im Einzelhandel aber wurden umgekehrt des öfteren auch für punktfreie Waren Bezugsrechte verlangt, in Norddeutschland z. B. für Aufnehmer und verschiedene Kurzwaren, im „schwarzen Revier“ nicht selten auch Bergmannspunkte für Waren des allgemeinen Bedarfs. Damals galt in der Handelsstufe der Punkt als die stellvertretende Kaufkraft, vor allem der um 50 v. H. höherwertige Bergmannspunkt, der schließlich allein noch die Chance besaß, durch das dichte Dornengestrüpp zur Ware hindurchzudringen. Diese Gilde der Punktehamster, eine besondere Abart der „Schwarzen“, ist mit der Währungs- und Spinnstoffreform plötzlich ausgestorben.

Doch die Schwarzen sind geblieben, wenn auch in wesentlich geringerer Zahl. Sie haben seitdem neue Gefilde ihrer Geschäfte entdeckt: so die „schwarzen“ Lastwagenlieferungen frei Treffpunkt, ohne Beleg gegen bare Kasse versteht sich, hauptsächlich in den ersten Monaten nach der Währungsreform; so die „schwarze“. Abgabe von punktpflichtigen Waren durch menschenfreundliche Einzelhändler, ob im Ladengeschäft oder ambulanten Gewerbe. Die stillschweigende Duldung der freien Verkäufe an den warenhungrigen Verbraucher hat indes im Laufe der Zeit aus „schwarz“ beinahe „weiß“ gemacht. Auch sonst bewies Herr „Schwarz“ in verschiedener Gestalt seine Lebenskraft: als Strohmann, der seinen Lieferanten nicht kennt, ja, selbst den eigenen Namen vergessen hat, bei „Otto-Reuter“-Geschäften; als Glied im finsteren Kettenhandel, den man besser als „Schiebergewerbe“ betitelt, da die Ware nicht abfließt, sondern quer zur Strömung oder gar gegen den Strom geschoben wird; als wilder Straßenhändler, der dank seiner Scheu vor den Steuerbehörden jedes Ladengeschäft unterbieten kann oder auf dem Lande und in entlegenen Stadtvierteln manchem preisunkundigen Zeitgenossen das Fell über die Ohren zieht. Das alles greift ineinander. Bald ist das Finanzamt das rote Tuch, bald sind es die Wirtschaftsbehörden. Teils drücken Hortungsbestände, teils müssen Schiebergeschäfte getarnt werden.

Der Preisumschwung hat diesem Zauber ein Ende gemacht und wird hoffentlich unter das ganze „schwarze“ Kapitel bald einen Abschlußstrich ziehen. H. A. N.