Durch schroffe Kurswechsel, die rasch aufeinander folgen, versucht der Kreml seit einiger Zeit, die Politik der Westmächte zu verwirren. Scharfe Verstöße, Anklagen und Drohungen werden durch „Friedensoffensiven“ abgelöst, die, kaum daß man Zeit hätte, sie zu vermerken, schon wieder aufgegeben werden, um einer neuen Welle der Beschimpfungen und Erpressungen Raum zu geben. Man könnte von einer hektischen Politik sprechen, die den Leninschen Grundsatz, daß die kommunistische Taktik sich jeder Situation anzupassen habe, auf die Spitze treibt, man könnte sie vielleicht ebensogut eine schlechte und dilettantische Außenpolitik nennen, die nur auf die Fehler des Gegners spekuliert.

Es fing damit an, daß Stalin selber während des amerikanischen Wahlkampfes zweimal die Friedensschalmei blies, um seinem Kandidaten Wallace propagandistisch zu helfen. Kurz darauf begann die Berlin-Debatte im Weltsicherheitsrat, bei der Wyschinski alle Vermittlungsversuche der Neutralen zum Scheitern brachte und Kübel voll Drei über die westlichen Alliierten ausgoß. Die nächste Friedensoffensive wurde nach den amerikanischen Wahlen eröffnet, nach jenem Frühstück, bei dem Präsident Truman leicht über den Tisch hin die Bemerkung warf, es gebe seinen Informationen nach im Politbüro eine Partei, die den Frieden ernstlich wolle, die aber noch nicht zum Zuge gekommen sei Hat man dies im Kreml als ein Zeichen der Schwäche genommen? Jedenfalls wurden die Töne aus Moskau freundlicher, und in diesem Januar veranstaltete man geradezu ein Trommelfeuer, um eine neue Friedensoffensive einzuleiten. Zunächst wünschte Boris Issakow im Bulletin der Sowjetbotschaft zu Washington den USA in herzlichster Form alles Gute zum neuen Jahr. „Rußland und Amerika“, hieß es da, „sind durch die Meere getrennt, doch haben uns jahrelange gemeinsame Anstrengungen gegen die Kräfte des Faschismus davon überzeugt, daß es keine Schranken gibt, die genügend stark wären, um die Bemühungen von Völkern guten Willens aufzuhalten Das war, im Zeichen der Berlin-Blockade, ein staunenswertes Erzeugnis sowjetrussischen Liebeswerbens.

Es folgten die Worte, die der kommunistische Alterspräsident Marcel Cachin bei der Eröffnung der französischen Abgeordnetenkammer wie Honigseim von seinen Lippen träufeln ließ, und mit denen er bedauerte, daß man bereits von einer Unvermeidbarkeit des Krieges zwischen West und Ost spreche. Zwar wahrte er sich bald darauf dagegen, daß seine Worte mit einer neuen Friedensoffensive des Politbüros in Verbindung gebracht werden könnten, aber dann fuhr er nach Italien und erklärte auf kommunistischen Versammlungen in Florenz und Rom, Stalin und Roosevelt seien immer, der Meinung gewesen, Kapitalismus und Kommunismus könnten in der Welt friedlich nebeneinander leben, und er verstieg sich zu der blasphemischen Äußerung, Jesus Christus, das Symbol des Westens, sei im Osten geboren und Karl Marx, das Symbol des Ostens, im Westen, also müsse es doch möglich sein, daß man sich vertrage. Auch Togliatti ließ sich gleich ihm in Rom als Biedermann feiern und konnte es gar nicht begreifen, daß die bösen Politiker in den USA sich nicht auf den Frieden einlassen wollten, den die Sowjets ihnen böten.

Moskau selber blieb keineswegs stumm. Auf der Gedenkfeier zu Lenins 25. Todestag im Bolschoj-Theatr, der großen Oper in Moskau, fehlten zwar in der Festrede, die Peter Nikolajewitsch Pospelow, der neue offizielle Theoretiker der Partei, in Anwesenheit von Stalin und den meisten Mitgliedern des Politbüros hielt, die üblichen Angriffe auf den Kapitalismus nicht, aber er sprach auch von den drei Fünfjahresplänen, „wenn nicht noch mehr“, die Sowjetrußland brauche, um die Kriegsschäden zu heilen und „gegen alle Überraschungen gesichert zu sein.“ Und er zitierte Stalins Erklärung gegenüber Wallace: „Eine friedliche Regelung der Meinungsverschiedenheiten zwischen Sowjetrußland und den Vereinigten Staaten ist nicht nur möglich, sondern auch im Interesse des Weltfriedens unbedingt erforderlich.“

Zur gleichen Zeit fand in Berlin die Parteikonferenz der SED statt. Hier gab es häßliche Dinge zu hören gegen die kapitalistischen Westmächte. Pieck wie Grotewohl suchten sich gegenseitig in überhitzten nationalistischen Forderungen zu überbieten – nur gegen den Westen wohlverstanden –, im Osten sei die Oder-Neiße-Linie, so bekräftigen sie, gerecht und wohlverdient. Ernster zu nehmen waren die Äußerungen des in Karlshorst bisher recht mächtigen Obersten Tulpanow, der sich gleichfalls scharf gegen den Westen wandte. Doch hierbei kam es zu einem Eklat: Das Nachrichtenbüro der sowjetischen Besatzungsmacht mußte die Genehmigung zur Veröffentlichung der Rede zurückziehen, und einigen russisch lizenzierten Berliner Zeitungen blieb nichts übrig, als ihre Auflage einzustampfen. Es ist dabei gleichgültig, welche Teile der Rede zu einer solchen Maßregelung Tulpanows geführt haben, die scharfen Angriffe auf den Westen oder die Sätze, aus denen hervorgeht, daß die sowjetische Zone aus eigener Kraft und nicht, wie sonst propagiert wird, dank der Unterstützung Polens, Rußlands und der Tschechoslowakei den Wiederaufbau vollbracht habe. Es ist auch gleichgültig, ob es sich hier um ein: Entgleisung Tulpanows gehandelt hat oder um eine Falle, in die er gestolpert ist und die ihm seine Gegenspieler General Serow, der Leiter des MWD in Potsdam und der Botschafter Semjonow, der politische Berater Sokolowskis, gestellt haben – wofür manches spricht. Wichtig ist, daß der scharfe Kurs gegen die Westmächte, den Oberst Tulpanow seit einiger Zeit vertrat, in diesem Moment dazu führen konnte, ihn im Einverständnis mit dem Kreml zu stürzen.

In dem Reigen der Friedensbringer konnte natürlich General Markos nicht fehlen, und so richtete er denn abermals ein Manifest in die Regierung in Athen mit Bedingungen, die eine Annahme von vornherein unmöglich machten, und die auch abgelehnt wurden, weil die rechtmäßige Regierung nicht auf gleichem Fuß mit einem Rebellen verhandeln kann. Markos hat gefordert, daß alle ausländischen Militärmissionen Griechenland sofort verlassen müßten und daß eine für beide Seiten annehmbare Koalitionsregierung gebildet werde. Man sieht hier, wie naiv die Politik des Kreml immer wieder ist! man glaubt dort ernsthaft, es sei das Vorbild solcher Regierungen, wie sie in Rumänien, Ungarn und der Tschechoslowakei existiert haben, in der Welt bereits vergessen.

Mit dieser griechischen Episode schien die große Friedensoffensive auf dem Höhepunkt angekommen zu sein. Der Westen reagierte nicht, und so begann denn abermals eine Periode der Feindseligkeit. Moskau gab bekannt, daß nunmehr ein Molotow-Plan in Kraft gesetzt werden würde als Gegenstück zum Marshall-Plan. Es ist mit ihm wie mit dem Kominform. Tatsächlich bringt er nichts Neues, keine wirtschaftlichen Pläne oder Verträge, die nicht schon bestünden, aber er gibt die Möglichkeit – wie das Kominform – eine Politik mit doppeltem Boden zu treiben. Der neue „Wirtschaftsrat“ – wie das Kominform – ist eine Institution, die dem Kreml untersteht, von der er sich aber jederzeit distanzieren kann, sobald es ihm paßt. An diesen Molotov-Plan ist die deutsche Ostzone noch nicht angeschlossen, aber man droht mit ihrer Beteiligung, und um sie für den Notfall vorzubereiten, befindet sich offenbar im Augenblick Herr Wyschinski in – Karlsbad.