Tanger, das vernachlässigte Waisenkind an der Schwelle des internationalen Rechts, ist eine Stadt, die weder orientalischen noch okzidentalen Charakter offenbart, weil beide sich in dieser merkwürdigsten Metropole am Nordwestzipfel des schwarzen Erdteils in einer wenig glaubhaften Weise vermischen. Es ist die Stadt der Kriegsverbrecher, Großschieber, Spieler, Saboteure, Snobs, der internationalen Agenten, Abenteurer und Bankerotteure, das Großasyl der internationalen Verbrecherwelt. Eine Stadt, in der man mit beinahe absoluter Sicherheit fast jedes Verbrechen begehen kann, ohne dafür büßen zu müssen. Eine Stadt, in der man Zeit vergeudet, wenn man die Polizei alarmieren wollte. Eine Stadt, in der sich die Polizei verkriecht und jedem, der ihre Hilfe sucht, den wohlgemeinten Rat gibt, sich mit den drohenden Banditen selbst auseinanderzusetzen, noch besser, sich mit ihnen zu arrangieren: Eine Freistatt aller Verbrechen, unvergleichlich und einmalig. Das ist Tanger.

Die erstaunliche Tatsache, daß sich die Mehrheit der Einwohnerschaft von Tanger aus kriminellen und anderen asozialen Elementen zusammensetzt, wird einigermaßen verständlich, wenn man bedenkt, daß dieser Tummelplatz des menschlichen Abschaums äußerst leicht zugänglich und außerdem recht gastfreundlich ist. Es ist heute so ziemlich das einzige Territorium auf dem ganzen Erdball, das von jedem Staatsangehörigen ohne irgendwelche Formalitäten betreten werden kann. Seit Tanger durch das Statut Vom Jahre 1925 neutralisiert und zur internationalen Zone erklärt wurde, ist dieser Brückenkopf auf nordafrikanischem Boden das Sorgenkind der Verwaltungsmächte geworden und bis zum heutigen Tage geblieben.

Als im Jahre 1940 England und Frankreich bereits in den Krieg verwickelt und vollauf mit ihm beschäftigt waren, fand Franco-Spanien den Augenblick günstig, um das verwaiste, zumindest allzusehr vernachlässigte Erbe der internationalen Verwaltung zu übernehmen, in Tanger einzurücken und nicht nur die Regierungsgewalt, sondern auch die öffentlichen Mittel an sich zu bringen Die spanische Raub-Verwaltung während der beinahe sechsjährigen Besetzung offenbarte sich nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in einer nach Milliarden zu zählenden Schuldauflage. An sich war Franco damals nicht gerade unglücklich, sich zurückziehen zu können, ohne mit den Signatarmächten des Statuts von Tanger in einen ernsthaften Konflikt zu kommen. Er dachte wohl nicht einen Augenblick daran, das Versprechen, die während der spanischen Okkupation aufgeladenen Schulden abzutragen, zu erfüllen, weil er. mit Recht annahm, daß England und Frankreich, wie auch das als direkt Interessierter hinzukommende Amerika noch auf Jahre hinaus mit den Folgen des Krieges und mit dem Wiederaufbau beschäftigt sein würden und infolgedessen bis auf weiteres weder Zeit noch größeres Interesse an Tanger aufbringen würden. Diese Rechnung war denn auch nicht ohne den Wirt gemacht, und so stehen heute die Westmächte vor der Tatsache, die der Zone von Spanien aufgebürdeten Schulden aus eigener Tasche bezahlen zu müssen.

Die Pariser Tanger-Konferenz nach Kriegsende stellte eine Reihe von Sicherheitsklauseln auf, die verhindern sollen, daß Tanger je wieder unter die Herrschaft einer einzigen Macht fällt. Obwohl Großbritannien, Frankreich und Spanien naturgemäß die größten Interessen in Tanger zu verteidigen haben, beschloß die Konferenz, die wichtigsten Regierungsstellen nur von kleineren Nationen besetzen zu lassen. Portugal wurde ausersehen, – den Gouverneurposten zu bestellen, Belgien hätte den Finanzminister und den Polizeichef stellen und Holland die restlichen Verwaltungsposten besetzen sollen.

Die Ansichten darüber, ob die Beschlüsse der Tanger-Konferenz lediglich eine Farce seien oder nicht, gehen aufeinander. Sicher ist, daß keines der für die Verwaltung bestellten Länder die zugesprochenen Posten je besetzt hat. Zur Begründung dieser Unterlassung wird angegeben, keines der besagten Länder habe, einen ausreichenden Stab von Verwaltungsfachleuten zur Verfügung. Und es soll Leute geben, die an diese offizielle Verlautbarung glauben. Eingeweihte und mit den Verhältnissen Vertraute zucken bei dieser Frage beinahe unhöflich die Schultern und die einzige Antwort, die man bestenfalls erhalten kann, ist ein überlegen-mitleidiges Lächeln. Allerdings, man muß zugeben: die Frage ist naiv. Diese Einsicht stellt sich ein, wenn man einige Wochen Gelegenheit hatte, Tanger, die Stadt und das Problem zu studieren und einige unbefugte Blicke hinter die Kulissen zu tun.

Die Presse dieser einzigartigen Stadt ver-• zeichnet täglich die Liste der Verbrechen, wie man anderswo die Börsenkurse notiert. Sich mit einem einzelnen Fall zu beschäftigen, wäre für diese ebenso einzigartige Presse einfach unmöglich, weil sie für solche Kleinigkeiten weder Zeit noch Papier hat. Andere Probleme sind wichtiger. So fordern die beiden größten Blätter, „España“ und „Libertad“, seit zwei Jahren für jedermann das Recht, Waffen bei sich tragen zu dürfen. Sie begründen diese Forderung mit der Behauptung, daß heute in Tanger ein waffenloser Bürger weder bei Tag noch bei Nacht jemals, sicher sei. Und tatsächlich: es hat sich noch keiner gefunden, der diese Behauptung hätte widerlegen können.

Für die Minderheit der Durchschnittsbürger ist die persönliche Sicherheit eine recht kostspielige Angelegenheit. Ein Sonderabkommen mit der Polizei, das selbstverständlich mit einem Bündel guter (in diesem Falle nur echter) Dollarnoten besiegelt sein muß, genügt noch nicht, um auch nur relative Sicherheit zu gewährleisten. Die Voraussetzung – dafür, daß ein solches Privatabkommen mit der heiligen Hermandad im Notfalle vielleicht tatsächliche wirksam werden könnte, ist, daß man in einem in nächster Nähe eines Polizeireviers gelegenen Hause oder in einem der sogenannten „sicheren“ Quartiere wohnt. Um aber zu einer solchen Behausung zu kommen, muß erst einmal der Agent und nachher noch der Hauseigentümer mit einigen tausend Dollar „Schlüsselgeld“ bestochen werden. Wer also in der glücklichen Lage ist, sein Portefeuille um 8000 bis 10 000 Dollar erleichtern zu können, hat die Chance, für ein Jahr in einiger Sicherheit zu leben. Wenn man bedenkt, wie selten die Polizeiposten in Tanger sind und wie noch seltener die Polizeibeamten, die sie bevölkern sollten, dann ist das kein allzuhoher Preis für eine so wertvolle Wohnung.