Priestley in London und Mannheim

London, im Februar

Priestley ist in England geachtet aber keinesfalls als schöpferischer Dramatiker anerkannt. Wie ein Kritiker jüngst feststellte, scheint es Priestley nicht gegeben zu sein, etwas zu schreiben, das seine Größe für die Nachwelt festhält. Sein letztes Stück, das jetzt in London uraufgeführt wurde, hat erneut die Erwartungen getäuscht, die man seit seinem „The Linden Tree“ gesetzt hatte.

Der Titel des Stückes ist „Home is To-Morrow“, dessen freie-Übersetzung im Deutschen etwa „Unser Heim liegt im Morgen“ lauten könnte. Das Stück spielt auf einer imaginären Insel im westindischen Archipel, die unter UNO Verwaltung steht. Gouverneur von Corabana ist ein konventioneller, englischer Beamter, der die übliche Laufbahn hinter sich hat. Zu seinem Mitarbeiterstabe gehören ein Chinese, ein Tscheche, ein Franzose und eine Sekretärin aus Boston in Neu-England, ferner ein eingeborener „Blaustrumpf“. Auf der Nordseite der Insel droht ein Aufstand auszubrechen, den ein Großkapitalist aus dem marxistischen Textbuch finanziert. Er ist Präsident eines amerikanischen Metall-Kartells und führt deswegen auch einen sex-appealing Metallurgisten bei sich, der reiche Uranium-Vorräte auf der Insel entdeckt hat. Außerhalb seiner Bürostunden versucht er vergeblich, die Frau des Gouverneurs zu verführen, die es eigentlich dringend notwendig hat. Der moralisch unbestechliche Gouverneur versucht die Schwierigkeitenseiner Verwaltungspolitik mit typisch englischer, kolonialer Mentalität von Anno dazumal zu überwinden. Mit eiserner Pflichterfüllung und einer geborenen Salon-Hure als Frau, führt der Gouverneur seine UNO-Mission aus, fair und idealistisch in Handlung und Verhandlung, bis er von einem politischen. Hochstapler, der die Revolte auf der Insel inszeniert, totgeschossen wird. Bevor der Gouverneur indessen stirbt, erinnert er den Mörder daran, daß Menschen getötet werden können, Ideen jedoch fortleben, ein Rezept, das Georg Kaiser bereits vor 25 Jahren verwandte.

Es ist ein interessantes Debattierstück, dem leider Humor und Paradox fehlen. G. B. Shaw hätte aus der Fülle der Probleme in seiner Glanzzeit ein Meisterstück gearbeitet. Obwohl die Argumente stets faszinierend bleiben, ermüdet man doch bald, weil Priestley seine Diskussionsaxiome in direkter Auseinandersetzung bringt und ihre Ideenträger genau so sprechen, wie man es im Alltag allmählich satt wird. Eswurde herrlich gespielt, da eine Reihe von erstklassigen Schauspielern sich selbst spielen durften. Nach drei Wochen wurde das Stück abgesetzt, weil es nicht „unterhaltend genug“ war. Man sollte sich nicht wundern, wenn es in Deutschland einen vollen Erfolg haben würde. Alex Natan

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In Mannheim fand die Erstaufführung vonPriestleys Stück „Hier war ich schon einmal“ statt, eine eheliche Dreiecksgeschichte: ein Großindustrieller kommt mit seiner Frau über Pfingsten in ein englisches Gasthaus, und sie läuft ihm dort mit einem Lehrer davon. Aber eigentlich immer bei Priestley kommt irgendwo der dozierende Zeigefinger einer weltanschaulichen Doktrin zum Vorschein. Hier ist es die Lehre von der ewigen Wiederkehr, die an dem alltäglichen Eheunfall exemplifiziert werden soll.