Das Schicksal des Generalobersten Werner Freiherr von Fritsch, den Hitler im Jahre 1938 seiner Stellung als Oberbefehlshaber des Heeres enthob, weil er seinen Plänen im Wege stand, und der nichtsdestoweniger 1945 von dem Hauptankläger des Internationalen Militärtribunals in Nürnberg auf Grund eines nicht nachweisbaren Briefdokuments als „einer der hervorragendsten Vertreter des nationalsozialistischen Regimes bezeichnet wurde, war für die gesamte Entwicklung der politischen und militärischen Unternehmungen, die dieser Amtsenthebung folgten, von entscheidender Bedeutung. Im Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, veröffentlicht jetzt Graf Johann Adolf Kielmannsegg ein Buch „Der Fritsch-Prozeß 1938, Ablauf und Hintergründe“, durch das auf jene Ereignisse ein scharfes Licht geworfen wird, in welchem vor allem die niederträchtige Rolle sichtbar wird, die neben anderen Parteigenossen Hitler selbst in dieser Angelegenheit spielte. Als unliebsames Hindernis erweist sich Fritsch dem „Führer“ eindeutig bei der Besprechung im November 1937, deren Inhalt in dem bekanntgewordenen „Hoßbach-Protokoll“ überliefert ist. Von da an steht es für Hitler fest, daß der Generaloberst ausgeschaltet werden muß. Angesichts der großen Beliebtheit und Verehrung, die Fritsdi im Heer genoß, konnte ihn Hitler nicht einfach verabschieden. Auch die aufgezwungene lügenhafte „Krankheits“-Begründung eines Entlassungs-,Gesuchs“ genügte nicht zur Tarnung des wahren Sachverhalts. Der „Führer“ griff dabei-, wie so oft und gern, zur moralischen Diffamierung. Ein von der Gestapo bereitgehaltenen Zuchthäusler, den er dem Generalobersten im Beisein Görings (der auf die Nachfolgerschaft Fritschs spekulierte) gegenüberstellte, behauptete, von ihm ein erpreßtes Schweigegeld empfangen zu haben, nachdem er (der Zuchthäusler Schmidt) ihn bei einer homosexuellen Verfehlung überrascht habe. Den Bericht über diese Konfrontierung bringen wir im Wortlaut des Buches. Ohne gerichtliche Klärung erhielt darauf Fritsch seine Entlassung. Hitler selbst übernahm die Überwachung des Verfahrens und verlangte, daß es von dem aus den Oberbefehlshabern des Heeres, der Marine und der Luftwaffe zusammengesetzte Gericht unter Kontrolle der Gestapo durchgeführt werden sollte. In dem Anwalt Grafen von der Goltz fand Fritsch einen Verteidiger, der sich seiner Sache gründlich annahm. Es gelang ihm, den – nicht Fritsch betreffenden – wahren Kern der Behauptungen des Schmidt aufzudecken und von hier aus die Grundlagen zu dem Unschuldsbeweis für den Generalobersten zu finden. Bei seiner Arbeit stieß er immer wieder auf die Anzeichen der Niederträchtigkeit des Hitlerschen Vorgehens und seiner verbrecherischen Organe. – Nach dem Freispruch wurde Generaloberst Fritsch in keiner Weise öffentlich rehabilitiert. Er fiel, eineinhalb Jahre nach dem Prozeß, bei einem Stoßtruppunternehmen vor Warschau und erhielt von seinem verlogenen Gegenspieler ein feierliches Staatsbegräbnis. Daß auch das Heer den ihm mit dem „Fall Fritsch“ widerfahrenen Schimpf hinnahm, ohne zu revoltieren, zeigt, wie sehr es damals bereits moralisch unterhöhlt war.

Am 5. November 1937 beruft Hitler sechs Männer zu sich zu einer Besprechung in der Reichskanzlei. Es sind Neurath und Blomberg, die drei Oberbefehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe, sowie der militärische Adjutant Hitlers, Oberst im Generalstab Hoßbach. Ursprünglich ist diese Zusammenkunft, ohne Neurath, von Blomberg angeregt, um bestimmte, alle drei Wehrmachtsteile angehende Fragen zu regeln. Hitler benutzt nun diese Gelegenheit, um zum erstenmal vor diesem Kreis über die Gedanken und Absichten zu sprechen, die wohl schon hinter der Blomberg-Weisung gestanden haben. Wieweit er vielleicht schon früher mit Blomberg, Göring und vielleicht auch Neurath darüber gesprochen hat, ist heute noch nicht klar ersichtlich. Bestimmt jedenfalls ist es das erstemal, daß Fritsch in diese Überlegungen eingeweiht wird. Oberst Hoßbach führt ein stichwortartiges Protokoll, das er einige Tage später zu einer ausführlichen Niederschrift erweitert. Diese Niederschrift ist unter dem Namen „Hoßbach-Protokoll“ seit dem Nürnberger Prozeß bekannt. Unter anderem ist sie in dem Buch „Die Nürnberger Dokumente“ von P. de Mendelssohn veröffentlicht und eingehend, behandelt.

Es wird deshalb darauf verzichtet, auf ihren Inhalt näher einzugehen. Das Wesentlichste, das aus ihr hervorgeht, ist, daß Hitler unverhüllt in ihr seine Absicht kundtut, auch auf die Gefahr eines Krieges hin die Eingliederung der Tschechoslowakei und Österreichs in das deutsche Hoheitsgebiet zu erzwingen. Er glaubt diese Pläne durchführen zu können, ohne ein bewaffnetes Eingreifen der Westmächte befürchten zu müssen.

Nachdem Hitler seine ausführlichen Darlegungen beendet hat, erheben Neurath und Blomberg, vor allem aber und am entschiedensten Fritsdi die verschiedensten Einwände. Diese gehen vor allem davon aus, daß ein Krieg mit England und Frankreich auf keinen Fall in Frage kommen dürfe, daß ein\solcher aber bei einem Angriff auf die Tschechoslowakei zu erwarten sei. Fritsch wiederholt damit nur seine immer wieder geäußerte Ansicht, daß jeder Expansionsversuch Deutschlands mit Sicherheit die Westmächte und dann. wahrscheinlich auch Amerika auf den Plan rufen müsse. Hitler betont noch einmal, daß er von der Nichtbeteiligung Englands und damit auch Frankreichs überzeugt sei, ohne damit Fritschs Ansicht zu ändern. Dieser untermauert seine Einwände mit einigen sachlichen Hinweisen und Erläuterungen über das wahrscheinliche gegenseitige Kräfteverhältnis. Das Gewicht seiner ablehnenden Haltung wird vor allem dadurch erhöht, daß er kein einziges Wort der Zustimmung zu irgendeinem der Pläne Hitlers äußert. Angesichts und als Folge dieser von Blomberg teilweise unterstützten Haltung Fritschs endet die Zusammenkunft vom 5. November 1937, ohne daß ein Beschluß gefaßt wird. Nach drei Monaten ist keiner der drei Männer, die Bedenken gegen Hitlers Pläne geäußert haben, mehr im Amt. Hier liegt der Ausgangspunkt dessen, was man die Fritsch-Krise nennt.

Die ganze im Hoßbach-Protokoll festgehaltene Besprechung läßt sich in wenigen Worten zusammenfassen. Hitler sagt – erstmalig –: Ich will Krieg. Fritsch, zum erstenmal von seinem Staatsoberhaupt zu der Entscheidung Krieg oder Frieden befragt, sagt: Nein, ich will keinen Krieg.