Ein Besucher Im Zoologischen Garten stand vor dem Giraffen-Käfig. Er betrachtete lange und eingehend dieses afrikanische Wunder, ließ seine Augen immer aufs neue den so gebrechlich scheinenden Hals der Giraffe auf- und abwandern und sagte dann kopfschüttelnd zu seiner Begleiterin: „Ich kann es einfach nicht glauben!“ – Vielen Beobachtern der amerikanischen Nachkriegskonjuktur geht es wie diesem Zoo-Besucher. Sie sehen den „langen Hals“ des USA-Booms vor sich und können es trotzdem nicht fassen. Dementsprechend neigen sie ständig, wenn auch mit wechselnden Argumenten, zu der Prognose, daß die Hochkonjunktur in den Vereinigten Staaten „einfach nicht mehr sehr viel länger dauern kann.“

Windschutz für die „freie“ Wirtschaft

Dabei wäre es völlig verkehrt, zu glauben, daß der leiseste Windstoß genügen könnte, um die USA-Konjunktur aus den Angeln zu heben. Sicherlich kann man von sehr erheblichen Veränderungen in der Struktur des amerikanischen Wohlstandes sprechen Deshalb darf man sich jedoch nicht dem voreiligen Schluß hingeben,daß dabei unbedingt ein Rückschlag folgen müßte.

Zweierlei spricht sehr entschieden dagegen: Einmal ist die amerikanische Wirtschaft seit dem New Deal Roosevelts und den staatlichen Einflüssen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren noch weiter in den Windschutz einer ausgleichend kontrollierenden Wirtschaftspolitik gesegelt, als sie ihn bereits im Zeitalter einer privaten Kartell- und Monopolpolitik aufgesucht hatte. Gewiß, es gibt nach wie vor eine eifersüchtig gegen Übergriffe wachende „Anti-Trust-Politik“ in den USA. Aber wer wollte bestreiten, daß weite Teile der amerikanischen Wirtschaft trotzdem praktisch den privaten Wettbewerb sehr erheblich eingeschränkt haben? Denkt man an die Schwerindustrie, so kann man an der Tatsache eines „Stahl-Blocks“ wohl kaum vorübergehen. Betrachtet man die Landwirtschaft, so ist kaum ein Ende der staatlichen Garantien für – sehr hoch gelegene – Mindestpreise abzusehen. Spricht man von Verbrauchsgüterindustrien, so muß man die Diktatur der Mode drüben sehr viel ernster nehmen als in Europa; diese Diktatur muß ihre wirtschaftlichen Rückwirkungen auf die Preis- und Absatzgestaltung haben, wie der „New Look“ im vergangenen Jahre zur Genüge bewiesen hat Und die nicht „marxistisch“ sondern ausgesprochen „kapitalistisch“ orientierten Gewerkschaften liefern ebenfalls einen Beweis dafür, daß es mit dem freien Wettbewerb in der Verwertung der Arbeitskraft des einzelnen nicht mehr sehr weit her ist. In den 20 Jahren, seit dem großen Kurseinbruch in Wall Street, haben sich also sehr erhebliche Einschränkungen der kapitalistischen „Freiheit“ ergeben. Dementsprechend hat sich die Wirkungskraft der „automatischen“ Regulatoren der Konjunktur wesentlich vermindert.

Fernsehen – ein zwiespältiger Einfluß

Zum anderen ist es einfach nicht wahr (wenn es auch von manchen amerikanischen Beobachtern immer wieder behauptet wird), daß die „Zeichen“ für einen Rückschlag gegeben seien. Weder fehlt es an Kapital, noch an Investitionslust, weder ist eine übermäßig große Lagerhaltung an Verbrauchsgütern gegeben, noch ist ein Käuferstreik unter allen Umständen zu erwarten. Zu beobachten sind nur gewisse Anzeichen einer Umstellung in der Käuferhaltung. Man folgt nicht mehr überall aus Warenhunger oder aus anderen Ursachen einer Käuferpsychose den Angebots- und Preisdiktaten der Verkäufer. Statt dessen zeigt, sich eine größere Ruhe der Käufer – bei anhaltender Kauflust und Kaufkraft aus einer anhaltenden. Vollbeschäftigung – und eine entsprechende Ablehnung zu hoher Preise. Außerdem hat die Bedarfsrichtung gewechselt. Die Sehnsucht nach dem Eisschrank für jeden Haushalt und nach dem neuen Staubsauger ist abgelöst worden durch das „dringende Bedürfnis“ nach einem Fernseh-Gerät. Die amerikanische Rundfunkindustrie rechnet damit, daß 1949 ihr Umsatz an „Television“-Apparaten mindestens 650 Mill. $ betragen wird, während man den Absatz an gewöhnlichen Rundfunkgeräten nur auf 450 Mill. $ schätzt. Das ist sicherlich eine sehr einschneidende Umstellung für die betroffene Industrie – mit Ausstrahlungen auf viele andere Zweige: Hollywood z. B. rechnet mit sehr viel schlechterem Kinobesuch für die Anfangszeit des anbrechenden „Fernseh-Zeitalters“. Aber kann man ernsthaft von Käufer-Zurückhaltung sprechen, wenn bei einem voraussichtlichen Volkseinkommen von 250 Mrd $ (von dem Trumans Budget 45 Mrd. $ in Steuern abzwacken will) mehr als eine Milliarde Dollar allein für Fernsehen und Rundfunkhören ausgegeben werden dürfte?

Ja, man rechnet auch mit geringeren Textil-Einkäufen, vor allem der Männerwelt bei nachgebenden Preisen. Fernsehen kann man in der alten Hausjoppe und im offenen Hemd; fürs Kino brauchte man vielleicht einen neuen Mantel und bestimmt einen sauberen Kragen. Selbst die Auto-Industrie könnte erleben, daß sie von ihren nach Zehntausenden zählenden wartenden Kunden nicht ganz so heftig wie in den vergangenen Jahren auf baldige Lieferung des längst bestellten neuen Wagens gedrängt wird. Es sind also recht einschneidende Wirkungen der Bedarfsumstellung zu erwarten. Aber gerade das Beispiel der Autoindustrie zeigt, daß man deshalb nicht um die Hochkonjunktur der USA zu fürchten braucht. Denn die Hersteller waren der Stahlindustrie gegenüber seit Jahren in der Lage von Oliver Twist: Sie forderten mehr – an Stahl – als ihnen zugedacht war und haben sich bei der Stahlindustrie entsprechend unbeliebt gemacht.