Von Ascan Klée Gobert

Befragt, welche Geschichte den größten Eindruck auf das kindliche Gemüt gemacht habe, würde ich antworten „Daniel in der Löwengrube.“ Mit einer prac-hagenbeckschen Vorstellung sah ich eine riesige, viereckige Ausschachtung, in welcher ein Gewimmel von Löwen ohne Gitter und Wärter auf kulinarische Zufälle wie Daniel warteten, wobei das bei uns wenig gebräuchliche Wort „Grube“ die Angelegenheit irgendwie großartig bagatellisierte. Die biblischen Ausmaße schienen überhaupt seit dem Turmbau „zu“ Babel ungewöhnlich wie die Schatzkammern der Pharaonen oder der „Feuerofen“, in welchem drei Männer sangen.

Noch zu Anfang des Jahrhunderts galt „biblische Geschichte“ auch in nicht streng kirchlichen Häusern Hamburgs als Anfang häuslicher und späterer vorschulischer Unterweisung in „Religion“,der ziemlich primitive und meist bebilderte Unterrichtsbücher dienten. Dadurch zeichneten sich diese Geschichten völlig von sonstigen Legenden, Sagen oder Märchenerzählungen ab. Wir konnten sie natürlich auch in gar kein Verhältnis zur Weltgeschichte setzen, sondern sie mündeten bei jenem „lieben Gott“, zu dem wir abends – und natürlich nur abends – unser Gebet mit gefalteten Händen sprachen. Dieser hatte unter dem seltsamen Namen Zebaoth einmal selbst die Geschicke der Erde, „seiner Füße Schemel“, von ihrer Entstehung bis zum Tode und zur Himmelfahrt seines „eingeborenen“ Sohnes geleitet. Wir beimaßen diesen Zeitraum auf etwa hundert oder tausend Jahre und dachten bei ~~~ ~~~ ~~~ ~~~ irgendwie an Robinsons „Freitag“, der auch ein Eingeborener genannt wurde.

Es ist natürlich nicht die Absicht, Wert oder Unwert dieser Methode in theologischer oder gar ethnologischer Hinsicht zu erörtern. Eins ist gewiß: wir nahmen mit den biblischen Geschichten einschließlich ihrer teilweise schwer verständlichen Bilder und Worte sozusagen spielend eine zweite Sprache in uns auf, die man nie wieder ganz vergessen kann. Ja, um den Vergleich noch weiterzuführen: so wie eine Kinderfrau in fremden Landen in ihrer Sprache der kindlichen Vorstellungswelt keine Grenzen zu ziehen weiß, so führten auch die Bibeltexte in Martin Luthers granitner Formulierung in unerreichbare, ja verbotene Bezirke des menschlichen Daseins.

Aber es überwogen die sonstigen Seltsamkeiten: das Land, wo Milch und Honig fließt, immer als ein paar klebrige Bäche gedacht, Josephs „bunter“, also schottischer Rock, Esaus seltsame Leidenschaft für das bei uns wenig beliebte Linsengericht, das Widderfell als Maskenbart, Isaaks Opferung auf dem „Holzstoß“; Hiob, der sich mit Scherben kratzte, was wir in der Mückenzeit völlig verstanden, Propheten in „Sack und Asche“, die Heuschrecken verspeisten und „Weiber“, zur Salzsäule erstarrend. Da war Moses, in einem Binsenkorb den gewaltigen Nil bezwingend, während alle unsere Papierschiffe sofort untergingen, Brötchen regneten vom Himmel, ein Volk tanzte um ein goldenes Kalb (etwa wie die Kuh im Milchgeschäft?), Simsons beneidenswerte Kraft, die „Brandfüchse“ gegen die Philister; Davids Katapult, die „Fleischtöpfe“ Ägyptens, Himmelsleitern und die Krone der Wunder: das Meer, das sich wie eine Wand aus Kristall oder Eis teilte für das auserwählte Volk und dann über den Reitern Pharaos zusammenschlug!

Im Gegensatz zu Hausmärchen oder Bilderbuchgeschichten verrieten Inhalt und Sprache die Einmaligkeit der Geschehnisse, nicht für Kinder erfunden, sondern wirklich stattgefunden. Auch die Zeichnungen der dicken Schnorrschen Bilderbibel waren unkindlich, also echt, und der HErr seiner Bedeutung entsprechend mit zwei großen Anfangsbuchstaben bezeichnet. Man konnte ihn sich nicht mehr heute in Deutschland vorstellen, aber auch Sinai und Arrarat und Jericho, mit seinen umgeblasenen Mauern lagen ja in irgendeinem fernen Lande, welches nur der Großvater kannte. Nibelungen, Odyssee, Tausendundeine Nacht und viele Historien erschlossen uns seitdem die Welt. Erkenntnis schied Dichtung und Wahrheit, und auch in der Bibel die „Spreu vom Weizen“. Aber in der Erinnerung verblaßt alles hinter den biblischen Geschichten. Wie wenige Verse – leider! – sind uns aus der geliebten, jahrelang gepaukten Sprache Homers geblieben. Aber: „Wo ist dein Bruder Abel?“, „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“, die „Töchter des Landes“; die „fetten Jahre“, der „Schweiß des Angesichts“, der „Weg allen Fleisches“ bis zu dem Gebot, welches von dem Kaiser Augustus ausging, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war ..., wer von uns Kindern um 1900 könnte das jemals vergessen? Fragten wir doch damals zum Entsetzen der sonntäglichen Kaffeetafel einen wegen seiner Muskeln bewunderten Onkef ob die Kraft seiner Lenden groß sei?