Der langgestreckte einstöckige Gebäudekonplex, drei Kilometer vor Clausthal-Zellerfeld auf Altenau zu, hat eine kriegerische Vergangenheit. Einst Verwaltungssitz einer großen Sprengstofffabrik, die in geziemendem Abstand davon die Oberharzer Landschaft bedrohte und dafür nun bis auf die letzte Schraubenmutter demontiert wird, diente der Bau einige Monate lang als Kaserne für eine Kompanie englischer Soldaten. Heute wirkt er wie ein friedliches Touristenhotel im Tannengrün sanfter Berghänge. Jenseits im Osten ragt das wuchtige Brockenmässiv auf. Die Zonengrenze, die den Harz in zwei Hälften zersägt, ist nicht weit.

Am Eingangsportal des „Touristenhotels“ aber lesen wir: „Gmelin-Institut für Anorganische Chemie und Grenzgebiete in der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften“. Der umständliche Name sagt dem Laien wenig. „Das ist das Gmelin-Kloster“, erläutern gutunterrichtete Clausthaler, „hier arbeitet ein Haufen von Professoren an einem großen Chemiebuch.“ Die Mehrzahl der Einheimischen mag meinen, es handele sich um ein neue; Institut ihrer Bergakademie, die den Namen der kleinen Bergstadt berühmt gemacht hat. Von der weltumspannenden Bedeutung des Gmelin-Institutes und den Ausstrahlungen seiner Arbeit auf die moderne chemische Wissenschaft ahnen die wenigsten etwas. Um so besser weiß man in den chemischen Laboratorien der Industriekonzerne Bescheid, denn es gibt keine chemische Formel der Welt, die nicht im Gmelin-Handbuch zu finden ist.

„Es lohnt sich, Deutsch. zu, lernen, um Gmelin lesen zu können“, schrieb bereits 1937 die englische Fachzeitschrift „Aluminium and the Man-Ferrous Review und auf dem letzten Internationalen Chemiekongreß in London im Juli vorigen Jahres wurde das Gmelin-Handbuch erneut ausdrücklich als das große Standardwerk der anorganischen Chemie anerkannt. Kaum ein Fachwissenschaftler des Auslands, – der eine Deutschlandreise unternimmt, wird es versäumen, im Gmelin-Institut vorzusprechen; mag es sich um den Präsidenten der Royal Society London, Nobelpreisträger Sir Henry Dale, handeln, um den Schöpfer des Radargeräts, Sir Robert Vatson-Watt, oder einen bahnbrechenden theoretischen Physiker wie Professor Born-Edinburgh, Träger der Max-Planck-Medaille.

Daß die deutsche Wissenschaft hier zu Hause ist, versteht sich von selbst. Das Gästebuch liest sich wie ein Almanach von Nobelpreisträgern. „Dr. Max Planck mit herzlichen Grüßen für das ersprießliche Gedeihen des Gmelin-Institutes“, so lautet die erste Eintragung.

Noch bis 1945 befand sich die Zentralstelle des Instituts in Berlin, wo es auf Anregung der Deutschen Chemischen Gesellschaft gegründet worden ist. Ein Jahrhundert zuvor hatte der Heidelberger Professor Leopold Gmelin sein vierbändiges Handbuch der theoretischen Chemie herausgegeben. Darin hatte er sich die restlose und objektive Erfassung des gesamten chemischen Wissens seiner Zeit zur Pflicht gemacht. Das bedeutende Werk erlebte kurz hintereinander mehrere Auflagen und wurde schon damals, auch ins Englische übersetzt. Gmelin konnte nicht ahnen, daß hundert Jahre später ein großer Stab anerkannter Fachwissenschaftler und Forscher aufgeboten werden mußte, um eine grundsätzliche Neubearbeitung nach den letzten Erkenntnissen der Wissenschaft einzuleiten und das Kompendium in seinem Geiste neu zu gestalten. Nach zweiundzwanzigjähriger Arbeit war die Hälfte des Gesamtwerkes geschafft: 32 269 Druckseiten, davon 8850 Seiten über Patentsammlungen der Metallegierungen. Aus dem vierbändigen „Handbuch“ war eine raumfüllende Bibliothek geworden.

Die Zerstörung der Berliner Institutsräume und Archive in der Kriegszeit schien das Schicksal des Gmelin-Handbuches zu besiegeln. Aus dem Chaos rettete der Institutsleiter, Professor Dr. Pietsch, wenig mehr als einige Kilometer Negativfilm. Aber in diesen Schmalfilmkilometern, die er vorausschauend schon 1941 hatte anfertigen lassen, lebte das Herzstück der Gmelin-Sammlung: das zentrale Sacharchiv, einmalig in der Welt! Rund 900 000 Archivkarten, die im Keim den gesamten Wissensstand der Chemie und ihrer Grenzgebiete festhalten, konnten fotokopiert werden. Die sachliche Voraussetzung für die Fortführung des großen Werkes war gegeben. Es galt nun, dem Institut eine neue Arbeitsstätte zu sichern. Die Mitarbeiter waren über ganz Deutschland verstreut. Der organisatorische Wiederaufbau erschien hoffnungslos. Pietsch gab jedoch nicht auf. Der heute sechsundvierzigjährige Chemieprofessor – schon in jungen Jahren mit der Institutsleitung betraut – plante und handelte. Entscheidend würde schließlich das außerordentlich fördernde Interesse der amerikanischen und englischen Militärregierung. Mit Frühjahrsbeginn 1946 ließ sich die allmähliche Überführung des Instituts in die britische Zone nach Clausthal-Zellerfeld ermöglichen.

Aber noch fehlte das Rüstzeug für jede wissenschaftliche Arbeit: Eine Bibliothek, die an das Originalschrifttum heranführen konnte. Die größte chemische. Bücherei Deutschlands im Berliner Hofmannshaus mit mehreren hunderttausend Bänden befand sich als Kriegsbeute in Rußland. Die Funktion einer neuen Bücherei für die Gmelin-Gemeinschaft konnte nur die Gesamtheit der noch verbliebenen deutschen Bibliotheken Übernehmen. So schuf man sich eine imaginäre Bücherei und steht heute in ständigem Leihverkehr mit 123 öffentlichen Bibliotheken der Westzonen. Daneben existiert schön wieder, eine Handbibliothek mit 1600 Büchern und 140 Zeitschriftenbänden. Aber noch immer fehlt wichtige ausländische Fachliteratur. Immerhin hat die Unesco dafür gesorgt, daß 130 der wichtigsten Auslandszeitschriften künftig in regelmäßiger Folge kostenlos geliefert werden. Inzwischen arbeitet man daran, die Lücken der Kriegsjahre aufzufüllen. Ein „Fortschrittsbericht“ entsteht, in welchem bis heute rund 200 000 neue Literaturnachweise geordnet sind. Annähernd 1000 amerikanische Industriefirmen senden laufend Prospekte, Denkschriften, Produktionsberichte, denen wertvolle Hinweise entnommen werden.