Rom, im Februar

Italien hat einen literarischen Skandal, und zwar handelt es sich um nichts Geringeres als um eine unverhüllte Plagiatsbeschuldigung eines italienischen Autors gegen den berühmten französischen Schriftsteller Albert Camus. Der italienische Literat R. M. de Angelis behauptet nämlich, „Die Pest“, der preisgekrönte Roman, mit dem Camus berühmt geworden ist (einen Auszug daraus veröffentlichte „Die Zeit“ in ihrer Nummer vom 22. April 1948. Die Red.), sei unbestreitbar eine Kopie seinem eigenen, im Jahre 1943 erschien nenen Buches „Peste a Urana“. Und wirklich, die Übereinstimmungen zwischen den beiden Werken sind so auffällig, daß es schwer fällt, an einen reinen Zufall zu glauben.

Nicht nur, daß es sich hier wie dort um den Ausbruch der Pest in einer afrikanischen Hafenstadt handelt – bei de Angelis eine Phantasiestadt, Urana genannt, bei Camus die Stadt Oran –, die Parallelen betreffen auch das ganze geistige und moralische Klima beider Bücher und vor allem den symbolischen Charakter jener mörderischen Epidemie. Hier wie dort wird nämlich die Pest zum Sinnbild für die Gottesgeißel, die eine korrupt gewordene Menschheit heimsucht, und hier wie dort tritt die Beziehung auf den Krieg, die Diktatur und die grundlegenden moralischen und politischen Probleme der Gegenwart unverkennbar zutage.

In einer Zuschrift an die römische Literaturzeitschrift „La Fiera letteraria.“ beklagt sich R. M. de Angelis in sarkastischen Worten darüber, daß kein einziger italienischer Kritiker des Buches von Camus es für nötig befunden habe, auf die bemerkenswerten Übereinstimmungen zwischen „La feste“ und dem Roman von de Angelis hinzuweisen; dabei liege „La feste a Urana“ in allen öffentlichen Bibliotheken auf und sei seinerzeit, bei seinem Erscheinen, von einer Reihe führender italienischer Literaten gelesen worden. Offenbar aber, so deutet de Angelis in seinem Schreiben an, Habe die italienische Kritik einen solchen heiligen Respekt vor allem, was aus Paris kommt, daß sie es einfach nicht wage, dem großen Camus ein Plagiat vorzuhalten.

Die Angelegenheit verspricht insofern noch komplizierter zu werden, als einerseits der Roman von Camus ins Italienische übersetzt worden ist, andererseits aber das’Buch von de Angelis wiederum französisch erscheinen soll. Die Übersetzerin, Madame Jean-Darrouy, Leiterin der Literaturzeitschrift „L’age nouveau hat an de Angelis einen Brief geschrieben, in dem sie, unter Beziehung auf die überdeutlichen Parallelen zwischen seinem und dem Camus’schen Roman den Satz prägt: „Die Pest ist ansteckend“.

Natürlich zitiert de Angelis mit großem Behagen die französische Journalistin, die ihm das Recht zuteil werden läßt, das die italienischen Kritiker ihrem Landsmann bisher versagt haben. „Camus“, so schreibt Madame Jean-Darrouy nämlich weiter, „hat als Philosoph ausgewertet, was Sie mit bemerkenswerter Kraft und Wahrhaftigkeit als Romancier gesagt haben. Man könnte behaupten, Ihre Gestalten seien Tiere mit warmem, die Gestalten von Camus hingegen Tiere mit kaltem Blut ...“

Mittlerweile hat sich zu allem Überfluß auch der italienische Verleger des Buches von de Angelis zu einer Neuauflage des Werkes entschlossen. Es wird alo sowohl das italienische wie auch das französische Publikum bald Gelegenheit haben, selbst die beiden Romane miteinander zu vergleichen und seine Schlüsse zu ziehen.

Mit nicht geringer Spannung erwartet man in italienischen Literaturkreisen unterdessen eine Stellungnahme von Albert Camus selbst zu der gegen ihn erhobenen Plagiatsbeschuldigung an der sich der französische Dichter bisher noch mit keinem Wort geäußert hat. Percy Eckstein