Motive und Tragik der Kollaboration – Versuch einer Rechtfertigung

Der Begriff „Kollaboration“ kennzeichnet den Modus vivendi zwischen Siegern und Besiegten. Als Vokabel Freiwilligkeit vortäuschend, ist Kollaboration der Ausfluß eines Zwanges. Die Beurteilung ihrer Zweckmäßigkeit ist darum, weitgehend eine Frage der politischen Konjunktur. Die Kollaborationisten mögen heute als Opportunisten, morgen als Verräter und übermorgen als Söhne des Machiavell gescholten, gebrandmarkt oder bewundert werden. Logik ist solchen Deutungen fremd. So konnte es geschehen, daß zu einer Zeit – bald nach dem Kriege –, wo die Alliierten die collaboratio der Bevölkerung der von ihnen eroberten deutschen Gebiete erheischten – Kollaborateure in den allierten Ländern gehängt wurden.

War Pierre Laval ein Kollaborateur? Er wurde am 15. Oktober 1945 hingerichtet. Wie seine Anwälte Jacques Baraduc und Albert Naud -berichten, begannen die Vorbesprechungen am 21. August 1945. Vorgesehen waren fünfundzwanzig Vernehmungen. Nur vier fanden statt. Die Anklage lautete auf Anschlag gegen den Staat und Zusammenarbeit mit dem Feinde. Der Gerichtshof bestand aus sechsunddreißig Geschworenen, von denen je die Hälfte unter Parlamentariern und Mitgliedern der Résistance ausgelost worden waren. Der Gerichtspräsident verlangte größte Beschleunigung, da der Prozeß „noch vor den Wahlen“ beendet sein müsse-Aus Protest blieben die Verteidiger der Eröffnung fern. Das Verlangen des Angeklagten, den Verlauf des Verfahrens im Staatsanzeiger zu veröffentlichen, wurde abgelehnt. Laval weigerte sich darauf, den Verhandlungen beizuwohnen. Auf Befehl de Gaulles wurde der Prozeß, der am 3. Oktober 1945 angefangen hatte, in Abwesenheit des Beschuldigten und seiner Anwälte fortgeführt. Er endete am 9. Oktober mit einem Todesurteil, ohne daß Pierre Laval, vielfacher Kabinettsminister und Premier von Frankreich, zu Worte gekommen wäre.

Seitdem kämpft Lavals einzige Tochter, Gräfin Josée de Chambrun, einen Kampf um die Rehabilitierung ihres Vaters. Unter dem Titel „Laval Parle“ (Les Editions du Cheval alle, Ch. Béranger, Paris) hat sie die Dossiers zusammengefaßt, die Laval im Gefängnis für seine Verteidigung aufsetzte. Eine Reihe von Faksimiles und Staatsdokumenten, die auf Lavais Politik Bezug haben, sowie Auszüge aus dem Prozeß gegen den Marschall Pétain ergänzen das Werk-

Mit Entschiedenheit berichtigt Laval die Unterstellung, eine prodeutsche Grundhaltung gehabt zu haben. Seine Bemerkungen hierüber sind eindeutig: „Man sagt, ich hätte keine Ideale, offenbar weil ich immer geglaubt. habe, daß Politik, vor allem Außenpolitik, die die Imponderabilien nicht vernachlässigt, von Tatsachen ausgehen muß. Regierungssysteme lösen sich ab, Revolutionen erschöpfen sich, aber che Geographie bleibt. Für alle Ewigkeit werden wir die Nachbarn Deutschlands sein. Mein Ideal ist der Frieden, und wenn wir keine Mittel finden, eine gute Nachbarschaft mit, Deutschland herzustellen, wird der Krieg unabwendbar wiederkehren. Wir stehen hier vor einem schwierigen Problem, dessen Lösung sich denen gebieterisch aufdrängt, die unser Land führen. Leider betrachten die Deutschen den Krieg als etwas Natürliches und den Frieden als die Ausnahme. Überdies haben sie die verderbliche Neigung, sich Abenteurern anzuvertrauen. Ihr Stolz und ihre Einbildung, das auserwählte Volk zu. sein, machen das Unglück vollständig Manche behaupten, es gäbe ‚zwei Deutschland“. Das ist unrichtig. Es ist immer dasselbe, das sich verschieden äußert, je nach den Führern, die es sich gewählt hat.“

In allen Aufzeichnungen wird das Bemühen offenbar, für diese nüchterne, bei einem Franzosen merkwürdig unpathetische Einstellung gegenüber der jeweiligen Lage Verständnis zu wecken. Kein Punkt der Anklage trifft Laval, der Realismus für die beste Art von Patriotismus hält, so verletzend wie der des Verrates. „Warum“ – so ruft er aus – „sollte ich Verrat geübt haben? Für Geld? Das wäre das schändlichste aller Verbrechen! War nicht meine materielle Existenz mehr als gesichert? Au„ Eitelkeit oder Ehrgeiz? War ich nicht x-mal Kabinettsmitglied gewesen und mehrmals Ministerpräsident? Ich hatte die Genugtuung gehabt, für mein Land zu sprechen, als es siegreich und stark war. Wenn ich, der ich weder während des Krieges, noch zu dem Zeitpunkt der Niederlage ein Amt hatte, es nun übernahm, Frankreich zu vertreten, Frankreich, das besiegt, schwach und verzweifelt darniederlag, so geschah dies zu seinem Schutz und nicht, um es zu verraten.“ Er wird nichtsdestoweniger beschuldigt, einer von denen gewesen zu sein, die zum Waffenstillstand drängten und an der Entwicklung mitwirkten, die zur Einberufung der Assemblée Nationale vom 10. Juli 1940 führte und damit zum Ende der Dritten Republik und der Verkündung des als Vichy-Regime bekanntgewordenen autoritären Etat Francais. „Wäre ich“ – so antwortet Laval – „damals in der Regierung gewesen, ich hätte darauf bestanden, die Ausführungsbestimmungen zum Waffenstillstand schriftlich festzulegen.“ Zu der vielumstrittenen Frage, ob es besser gewesen wäre, die französische Regierung nach Afrika zu überführen, um von dort den Kampf fortzusetzen, notiert er: „Wenn der Präsident der Republik, die Präsidenten der beiden Kammern, MM. Jeanneney und Herriot, dieser Auffassung waren, warum unternahmen sie dann keinen Versuch, nicht einmal öffentlich, um diejenigen umzustimmen, die, wie ich, anderer Meinung waren? Die Fortsetzung des Krieges von Afrika aus hätte der Generalstab einkalkulieren und die notwendigen Maßnahmen treffen müssen, vor allem transportmäßig. Admiral Darlan hielt es für unmöglich. Wäre die Regierung nach Afrika gegangen, ganz Frankreich wäre sofort besetzt worden... Die deutsche Armee schien damals unbesiegbar. Spanien hätte sich dem Durchgang deutscher Truppen nicht widersetzt ... ich glaube nicht, daß der Felsen von Gibraltar genügt hätte, um bei der deutschen Luftüberlegenheit die Übersetzung deutscher Truppen nach Afrika zu hindern unsere Niederlage in Frankreich wäre durch eine Katastrophe in Afrika besiegelt worden.“ Laval ist überzeugt, daß der Entschluß, nicht nach Afrika zu gehen, gerade im Hinblick auf die späteren Ereignisse vertreten werden kann, daß er die Voraussetzung zur Befreiung und zum Siege wurde, weil er die französischen Besitzungen und Streitkräfte dort intakt ließ und damit zwei Jahre später Giraud und de Gaulle Basis und Instrument gab, ohne die sie nicht gegen Hitler hätten operieren können.

„Wir, Philippe Pétain..