Das württembergisch-badische Befreiungsministerium hat bei der amerikanischen Militärregierung beantragt, den ehemaligen Reichsaußenminister von Neurath zu einer Verhandlung vor der Spruchkammer nach Ludwigsburg zu überführen. Das ist ein guter Antrag. Nicht, weil dem traurigen Kapital „Entnazifizierung“ im Buch der deutschen Nachkriegspolitik noch eine Seite hinzugefügt werden müßte, oder weil es notwendig wäre, den zu 15 Jahren Haft verurteilten Greis hinter den Mauern des Spandauer Gefängnisses in eine der neuen Klassen der deutschen Demokratie einzustufen, sondern weil es gilt, Licht in die dunkle Geschichte des Dritten Reiches zu bringen.

Bei Beendigung des zweiten Weltkrieges war der Nationalsozialismus als Macht liquidiert, Nürnberg setzte einen formellen alliierten Schlußpunkt hinter seinen Zwölfjährigen Amoklauf. Die Deutschen aber entnazifizieren noch heute, ohne dabei bisher – ganz abgesehen von den übten Wirkungen dieser unglückseligen politischen Verfolgung – dem dunklen Phänomen des Nationalsozialismus wirklich nähergekommen zu sein. Wir haben schon mehrmals die Forderung nach einem Institut zur Erforschung des Nationalsozialismus erhoben. Es gibt keine befriedigende Therapie für ein Leiden, dessen Symptome, Krankheitsgeschichte und heimlichen Erreger man nicht genau kennt. Dies alles aber kann im NS-Fall auf Grund von Dokumenten und Protokollen allein so wenig rekonstruiert werden, wie an Hand der Tagebücher Eva Brauns oder den Aufzeichnungen militärischer Adjutanten. Es kommt darauf an, daß jene Männer Zeugnis ablegen, die nicht nur Einblick in die höchste politische, diplomatische und militärische Führung hatten, sondern auch imstande waren, Ursache und Wirkung, Zusammenhänge und Motive zu begreifen. Der 76jährige Häftling in der Zelle von Spandau ist einer von ihnen.

Man braucht nur die Urteilsbegründung des Nürnberger Gerichts zu lesen, um zu begreifen, wie wichtig die Aussagen Konstantin von Neuraths zur Klärung der jüngsten Vergangenheit wären. Dabei ist noch mit Recht zu hoffen, daß der, das Verfahren seit Monaten vorbereitende Ludwigsburger. Ankläger für uns entschieden wesentlichere Fragen stellen würde, als seine Nürnberger Kollegen. Galt es doch damals nur von Neurath im Sinne der vier Punkte der Anklage – Verbrechen gegen den Frieden, Verschwörung, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit – schuldig zu befinden. Jene Geschehnisse, die Deutschland betreffen, wurden lediglich am Rande erwähnt. Wir können auf das Zeugnis v. Neuraths nicht verzichten. Die gegenwärtigen Haftzustände in Spandau und das Alter des Gefangenen aber lassen die Chance, daß er seine Strafe überleben könnte, gering erscheinen.

In Deutschland, und nirgendwo anders, wird eines Tages notwendigerweise die Geschichte des Nationalsozialismus geschrieben werden müssen. Je vollständiger und klarer, desto besser. Darum vor allem ist die Forderung der Ludwigsburger Spruchkammer zu begrüßen. Es wäre gut, wenn sie von deutscher Seite mit allem Nachdruck aufgegriffen würde. Und es wäre ein Zeichen wirklichen Verständnisses, wenn man sie uns von alliierter Seite erfüllte. C. J.