Die Herstellung künstlicher Fasern hat sich – erst nach dem ersten Weltkrieg – zu einem sehr bedeutenden Zweig der chemischen Industrie entwickelt. Große Fabriken liefern die gewaltigen. Mengen, die als endlose Fäden (Kunstseide) oder als 3 bis 5 cm kurze Fasern (Zellwolle) dazu dienen, den Textilmarkt mit neuen schönen Stoffen zu bereichern oder die fehlenden natürlichen Fasern zu ersetzen.

Nach den drei Verfahren, die es hierbei gibt, unterscheidet man Viskose-, Kupfer- und Acetat-Kunstseiden, von denen die ersten beiden regenerierte Zellulosen sind und die zuletzt genannte Art aus einer Verbindung der Zellulose besteht. Unter diesen Kunstseiden nimmt die Kupferseide, die nach dem Kupferoxyd-Ammoniakverfahren hergestellt wird und unter dem Namen „Bembergseide“ allgemein bekannt ist, eine Ausnahmestellung ein, weil ihre hervorragende Güte die Erzeugung besonders schöner und haltbarer Web- und Wirkwaren gestattet.

Während als Ausgangsstoff für die Viskoseseide vorwiegend Zellstoff (aus Fichtenholz hergestellt) in Frage kommt, zieht man für die Kupferseide Linters vor, d. h. die sehr kurzen Fäserchen, die bei der Baumwollverarbeitung abfallen. In großen Kesseln werden die (gereinigten) Linters mit Ammoniak und einem Kupfersalz so lange verrührt, bis die Zellulose, aus der ja die Linters bestehen, vollkommen in Lösung gegangen ist. Die entstandene „Spinnlösung“ sieht dunkelblau aus und ist noch zähflüssiger als Sirup. Vor ihrem Eintritt in den Spinnsaal muß sie durch eine sorgfältige Filtration von zufälligen Verunreinigungen und mit Hilfe von Vakuumpumpen von hineingemischter Luft befreit werden. In der Spinnerei fallen vor allen Dingen die unzähligen Glastrichter ins Auge, in denen die Fäden dadurch entstehen, daß die Spinnlösung durch viele Brausenlöcher in warmes fließendes Wasser hineingedrückt wird. Dabei entzieht das Wasser der Spinnlösung das nicht chemisch gebundene Ammoniak und läßt die Masse so weit erstarren, daß sie als Fadenbündel aus dem Trichter herausgezogen werden kann.

Das Abzugsorgan und das fließende Wasser üben auf das plastische Fadenbündel im Trichter einen starken Zug aus, der es zu einer so außer- – ordentlichen Feinheit auszieht, daß 9000 m des fertigen Einzelfadens nur 1,3 g wiegen. Dies Verziehen der Fäden im plastischen Zustand erteilt den kleinsten Bausteinen der Zellulose, den Molekülen, eine gewisse Ordnung: sie ermöglicht die große Reißfertigkeit der Kupferseide. So hauchdünn sind die Fäden, daß sie die Feinheit der Naturseide übertreffen. Wenn auch Fäden in gröberen Nummern gesponnen werden können, so liegt die Hauptstärke des Kupferverfahrens doch in der Herstellung feiner Garne.

Da die Herstellung von Kunstseide eine große Zahl von Arbeitsgängen erfordert, lag es nur nahe, daß man sich – im Zeitalter des Fließbandes – bemühte, kontinuierliche Verfahren für die Fertigung zu entwickeln. Diese Arbeiten führten zu einem vollen Erfolg; es wurde, noch während des Krieges, ein Verfahren ausgearbeitet, nach dem man mit einer einfachen Maschine den Faden in zwei Minuten spinnen, auswaschen, nachbehandeln, trocknen und aufwickeln kann, ohne daß er mit der Hand berührt wird. Die/Verfahren wird die Kupferseide nicht nur erheblich verbessern, sondern auch verbilligen. Sein Hauptvorteil liegt jedoch in seiner Anwendbarkeit für die Herstellung von fertigen Webketten in nur zwei Arbeitsgängen. Dabei erfährt das Garn außerdem eine so schonende Behandlung, daß es sich auf automatischen Webstühlen besser noch als Baumwolle verweben läßt. Dieses Ergebnis war für den Fachmann deswegen überraschend, weil diese Webketten nur ungedrehte Fäden enthalten, die wegen der Fülligkeit, die sie den Geweben erteilen, besonders erwünscht sind. Da es bisher selbst beim Kupferverfahren nicht einfach und dazu sehr teuer war, solche Ketten zu bereiten, ist ihre direkte (und billige) Herstellung ein großer Fortschritt. Anderen Kunstseiden verfahren wird es wohl kaum gelingen, Webketten mit ungedrehtem Garn zu liefern. Das neue Verfahren wird auch der Kupferseide die Möglichkeit geben, die Baumwolle auf bestimmten Verwendungsgebieten zu ersetzen oder sie zu ergänzen.

In neuester Zeit, etwa seit 1938, gewinnen Kunstfasern einer ganz anderen Art Bedeutung, nämlich die sogenannten „vollsynthetischen“ Fasern, die aus ganz einfachen Grundstoffen chemisch aufgebaut werden und mit den „alten“ Kunstseiden (aus Zellulose) nichts zu tun haben. Ohne Zweifel haben diese „neuen“ Kunstfäden, wie Nylon in Amerika und Perlon in Deutschland, eine sehr große Zukunft, doch ist es ebenso sicher, daß die „alten“ Kunstseiden, und unter ihnen nicht zuletzt die Kupferseide, vor allem für Kleider- und Wäschestoffe, ihren Markt behalten werden, da sie billiger sind und in mancher, Hinsicht auch bessere Eigenschaften haben.

*

Die dunkelblaue Spinnlösung des Kupferoxyd-Ammoniakverfahrens dient nicht nur zum Spinnen der Kunstseidenfäden, sie gestattet auch die Erzeugung von Zellglas, das unter dem Namen „Cuprophan“ in den Handel kommt und für die verschiedensten Zwecke Verwendung findet, zum Beispiel als Verpackungsmaterial, all. Einmachhaut, zur Isolierung von Kabeln und sogar in der Textilindustrie, insbesondere für Damenhüte, „Cuprophan“ ist deshalb so vielseitig verwendbar, weil es viel dünner hergestellt werden kann als Zellglas nach anderen Verfahren. J. Wiehert