Als die deutsche Chemie vor rund zwanzig Jahren mit der industriellen Synthese von Fetten und Fettrohstoffen begann, hätte wohl niemand vorauszusagen gewagt, daß eines Tages auch die chemische Industrie der USA den gleichen Weg beschreiten würde. Daß für Deutschland das Problem der eigenen Erzeugung von Ernährungsfetten und technischen Fetten immer interessant bleiben mußte, war ziemlich sicher, angesichts der Größe des Bedarfs und der erheblichen Importabhängigkeit. Wenn sich tun aber eine ähnliche Entwicklung in den USA, dem Land des Rohstoffüberflusses, abzeichnet, so ist das eine Rechtfertigung der deutschen Pionierarbeit, wie sie treffender gar nicht erwartet werden konnte.

In allen Ländern läßt sich ein Übergang zu einer fettreicheren Ernährung und damit ein wesentliches Ansteigen, des Fettverbrauches feststellen. Hierauf ist zurückzuführen, daß Länder, die früher als Fettexportländer galten, bereits gezwungen sind, zusätzlich Fette zu importieren. Der Anteil an natürlichen Fetten, der für die Industrie zur Herstellung von Seifen, Waschrohstoffen, Textilhilfsmitteln, Lederhilfsmitteln, Lacken und Schmierstoffen abgezweigt werden kann, wird immer geringer.

Zur Herstellung von Seifen und Waschmitteln werden natürliche Fette oder (durch Spaltung aus diesen gewonnenen) Fettsäuren, aus denen das Fett zu; etwa 90 v. H. besteht, mit Alkalien „verseift“. Hierbei entstehen die Alkalisalze der Fettsäuren, die im allgemeinen 10 bis 20: Kohlenstoff-Atome enthalten und die man schlechthin als „Seifen“ bezeichnet. Für die Erzeugung gleichwertiger synthetischer Waschmittel mußte man also Fettsäuren, möglichst mit einer Kohlenstoffkette 10 bis 20, künstlich herstellen Nach jahrelangen Forschungsarbeiten ist es gelungen, vom Paraffin ausgehend, die Fettsäure-Synthese laboratoriumsmäßig auszuarbeiten und auch als großtechnisches Verfahren durchzuführen. Die erste Anlage wurde auf Initiative von Arthur Imhausen und Dr. K. H. Imhausen gemeinsam von Henkel & Cie. in Düsseldorf und der Märkischen Seifen-Industrie in Witten-Ruhr im Jahre 1936 gebaut. Die I. G. Farben errichtete später Anlagen in Oppau und Heydebreck.

Bei dem Verfahren zur Herstellung von Fettsäuren wird durch flüssiges Paraffin, das sich in etwa 10 m hohen und 1 bis 2 m breiten Oxydatoren aus Aluminium befindet, bei etwa 110 bis 120 ° C in Gegenwart von Katalysatoren Luft durchgeleitet; die Kohlenwasserstoffe werden: dadurch zum Teil in Fettsäuren umgewandelt. Die Behandlung von Paraffin mit Luft wird beendet, wenn etwa ein Drittel des Paraffins in Fettsäuren umgesetzt ist. In einem nicht ganz einfachen Arbeitsvorgang wird das Paraffin von den gebildeten Fettsäuren getrennt und diese daraufhin durch Vakuumdestillation in die Fraktionen Vorlauf, Hauptlauf, Nachlauf und Rückstand zerlegt.

Es hat nicht an Stimmen gefehlt, die eine Fettsäure-Synthese für eine Utopie hielten, zumindest aber ein wirtschaftliches Fiasko voraussagten. Denn die Fettsäure-Synthese läßt sich bisher nicht so leiten, daß ausschließlich die für die Herstellung von Seifen und Waschmitteln notwendigen Fettsäuren mit 10 bis 20 Kohlenstoff-Atomen gebildet werden: man gewinnt bei dieser Synthese zwangsläufig gleichzeitig in fast derselben Menge Fettsäuren, die unter 10 und weit über 20 Kohlenstoff-Atome enthalten. Diese Fraktionen sind aber für die Herstellung von Seifen und Waschmitteln ungeeignet; man sah also anfangs für sie keine geeignete Verwendung. Aber auch dieses Problem konnte gelöst werden Heute haben diese sogenannten Vorlauf-, Nachlauf- und hochmolekularen Fettsäuren durch ihren Einsatz in der Kunststoff-, Lack- und Gummiindustrie zumindest die gleiche Bedeutung erlangt, wie die Seifen-Fettsäuren.

Setzt man die synthetischen Fettsäuren nach geeigneter Raffination mit Glyzerin um, so erhält man synthetisches Speisefett. Auch diese Synthese wurde, mehrere Jahre in der Firma Imhausen & Co. in Witten-Ruhr in einer technischen Anlage mit Erfolg betrieben. Das synthetische Fett ist von einer großen Reihe von Forschern, darunter namhaften Physiologen, wie Thomas und Flößner, auf seine Eignung als menschliches Speisefett untersucht und als geeignet befunden worden. Es hat den gleichen Nährwert wie pflanzliche und tierische Fette und besitzt gute Resorbierbarkeit und Bekömmlichkeit; gesundheitliche Einwirkungen konnten nicht festgestellt werden. Das synthetische Fett ist das erste synthetische Nahrungsmittel, das für die menschliche Ernährung freigegeben wurde.

Die Fettsäure-Synthese kann nur durchgeführt werden, wenn genügend große Mengen Paraffin zur Verfügung gestellt werden. TTH-Paräffin, Schwei-Paraffin oder geeignetes Paraffin aus Erdöl werden praktisch in Westdeutschland nicht gewonnen. Das einzige Paraffin, das heute im gewissen Umfang zur Verfügung steht, ist der Gatsch, der nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren aus Koks und Wasser gewonnen wird. Zwei Fischer-Tropsch-Anlagen haben nun von der Militärregierung die Betriebserlaubnis erhalten. Der von diesen Anlagen erzeugte Gatsch wird für die Fettsäure-Synthese eingesetzt.