Zu Ehren des Bildhauers und Graphikers Professor Gerhard Marcks, der am 18. Februar sein 60. Lebensjahr vollendet, eröffnete der Kunstverein in Hamburg in den Räumen der Hamburger Kunsthalle eine Ausstellung, die einen Überblick über Werk und Entwicklung des Meisters bietet. Wir würdigen hier seine Persönlichkeit von der schöpferischen und von der menschlichen Seite.

Bin der Stätte genäht, wandernd auf dunkler Erd, wo das uralte Haus seliger Götter steht...“ singt der Dichter der griechischen Frühzeit Alkaios. Diesen Vers könnte man wohl über das Werk des Bildhauers Gerhard Marcks setzen, als Bild für seine Sehnsucht nach dem Maß und Mut antiken Lebens. Diese so deutsche Sehnsucht! Denn hat es je ein Land gegeben, in dem die Sehnsucht nach antikem Leben stärkere Wirkung auf die Besten hatte als in Deutschland? – Noch in seiner weitesten tragischen Spannung, die wir auszumessen vermögen, wenn wir Hölderlins „Hyperion“ und Kleists „Penthesilea“ vergleichend gegeneinanderhalten, suchte doch der deutsche Geist nur das eine Hellas.

Gerhard Marcks, 1889 in Berlin geboren, ist Brandenburger, In dieser Landschaft lebt, dort wo sie Stil hat, eine wunderbar verhaltene Romantik, die stets von der zuchtvollen Hoheit des klassischen Hellas träumte. – Dort entstand die einfach-große Architektur Gillys, träumte der erste Baumeister des Staates – Schinkel – auf seinem Zeichenbrett von einer neuen Gestaltung der Akropolis, arbeitete Schadow im Geiste der Alten und bewahrte noch Tuaillon, inmitten der preußischen Persiflage Wilhelms II., den strengen Geist dieser Landschaft.

Aber der Weg nach Hellas zu Hyperions seligen Stätten will erwandert sein durch die Härte des lebendigen Lebens. Eins ist ein allgemeines Gefühl, etwas anderes die bildnerischen Mittel, die diesem Gefühl erst die Sichtbarkeit, die Anschaubarkeit verleihen. – Es war das Problem der reinen Form, das die Bildhauerei seit der Wende des Jahrhunderts beunruhigte. Das war die abstrakte Seite bildhauerischer Tätigkeit, um die kein Künstler mehr herumkam. Adolf von Hildebrandt hatte davon gesprochen, Aristide Maillol stieß auf anderem Wege auf das gleiche Problem. Marcks mag in diese ganze Fragestellung nach der abstrakten bildhauerischen Form auf gänzlich untheoretischem Wege geraten sein, von der Tätigkeit in einem Handwerk aus. Er übernahm 1920 die Leitung der Töpferei auf Schloß Dornburg, die dem „Bauhaus“, dieser ersten und einzigen Akademie aus dem Geist der Moderne, unterstand. Er geriet also in den Kreis von Klee, Feininger und Schlemmer, sozusagen mitten hinein in ein Laboratorium zur Erarbeitung abstrakter bildnerischer Mittel. Recht besehen lag das handwerkliche Problem seiner Tätigkeit genau so, denn sollte im Kunsthandwerk wieder etwas Brauchbares entstehen, so brauchte es eine klare, bildnerische Anschauung, die dem kunstgewerblichen Gerät erst seine selbständige Erscheinung als „Ding“ gab. Van de Velde hatten sich schon zu Anfang des Jahrhunderts hier die weitestreichenden Einsichten ergeben. Diese bildnerische Anschauung war unbedingt auch auf die Bildhauerei, anzuwenden. Es ist die Lehre, die der ungefähr gleichaltrige Ewald Mataré zur äußersten Schärfe führt, daß nämlich eine Skulptur erst dann als vollendet angesehen werden kann, wenn sie alle Eigenheiten eines Dinges annimmt – das heißt ein selbständiger, in sich existenter Organismus reiner Form ist.

Von diesen Gedanken bewegt ging Marcks 1928 zum ersten Male nach dem Süden, erlebte Italien und Griechenland. Jetzt erst trat die schwärmerische Sehnsucht nach antikem Leben aus der beunruhigenden Latenz eines allgemeinen Gefühls in die Klarheit des bildnerischen Bewußtseins. Das Leben war es also, nicht die klassische Form, das Leben der Antike, das in so liedhaft sanftem Einklang mit der beseligten Natur steht. So erfand Marcks das Liedhafte in seiner Kunst, die kleine ergriffene Strophe, die Sappho, Alkaios und Anakreon im frühen Griechenland gesungen haben. Es ist in einer ganz unsagbaren Weise das griechische Lied, das seinen schönsten Statuetten – dem Hirtenknaben mit der Flöte, dem sitzenden Knaben die ergriffene Aura einer reinen, einfachen Menschlichkeit verleiht. Sehnsucht nach antikem Leben, die sich immer neue Bilder auf die eigene Ergriffenheit vor der geschauten Natur erfindet, das ist die tiefe Quelle des Lyrischen, das alle seine Figuren umgibt.

Aber moderne Bildhauerei ist ein strenges Gewerbe, ihr geht es nicht um unklare Gefühle, ihr geht es um die Realisation der Gefühle in der Form. Wir sagten, daß es ein besonderes Anliegen moderner Bildhauerei sei, dem bildhauerischen Gegenstand den Charakter eines Dinges, die selbständige Existenz als abstrakte Formeinheit zu geben. In der griechisch-archaischen Antike war das Gleich-Sein von „Ding, und Figur“ ganz von innen her erlebt und gestaltet worden. In seiner Zweckform nannten es die Griechen das Weihgeschenk; es konnte, wenn man es den Göttern bot, Gefäß und Figur sein. Und so haben die archaischen Apollines folgerichtig von innen her dieses abstrakte Dinghafte, dieses Entferntsein von den Bildern persönlicher Leidenschaft, diese reine Autonomie ihres Daseins, wie andererseits die frühen Gefäße der Griechen inwendig so voller „Figur“ sind. Marcks führte gerade das Nachdenken um die modernen Mittel der Bildhauerei zur plastischen Form der griechischen Archaik.

Derartige Wandlungen bildhauerischer Grundanschauungen vollziehen sich nicht außerhalb der Zeit. Als Marcks das Nachdenken um die Form zur griechischen Archaik führte, waren die Bildhauer Ludwig Kasper und Toni Stadler im Münchener Atelier Hahns auf gleichem Wege, während in einer leeren Fabrikhalle in Noways in Not und Elend der junge Bildhauer Hermann Blumenthal ähnlichen Überlegungen nachging. Das geschah unabhängig voneinander! Bald war Gerhard Marcks mit allen befreundet und hatte für ihre Gedanken das offenste Herz. Dies Gefühl der künstlerischen Kameradschaft mag wohl einiges zur Sicherheit und Klarheit seiner bildnerischen Gesinnung beigetragen haben.