Innerhalb der chemischen Industrie nimmt die Industrie der Textil- und Lederhilfsmittel einen nicht unbeachtlichen Raum ein. Dem Nichtfachmann ein wenig bekanntes Gebiet – wozu vielleicht die nicht ganz glücklich gewählte Bezeichnung beiträgt –, stellt sie nach Umfang und Art einen Industriezweig dar, der für die Herstellung von Textilwaren, wie auch von Leder- und Pelzwaren von höchster Bedeutung ist. Es handelt sich also um chemische Produkte, mit deren Hilfe Textilwaren und Leder hergestellt werden, oder, besser ausgedrückt, ohne deren Hilfe Textilwaren und Leder nicht hergestellt werden können. Es mag dies an einigen Beispielen erläutert werden.

So stellt zum Beispiel die aus Zellstoff hergestellte Zellwolle ein hartes, sprödes Material dar, das nicht ohne weiteres zu Garn versponnen werden kann. Erst durch eine Behandlung mit speziellen chemischen Körpern werden ihr die Eigenschaften verliehen, die das Verspinnen und die Garnbildung zulassen. Der chemische Körper ist ein Textilhilfsmittel. Gelangt die Zellwolle allein oder mit Wolle oder Reißwolle – die wieder nur unter Anwendung eines Textilhilfsmittels, eines „Reißöles“, gerissen werden konnte – in die Kamm- oder Streichgarnspinnerei, so muß sie mit einer „Spinnschmälze“ behandelt werden, wobei es sich also wieder um ein Textilhilfsmittel handelt. Färbt man die Textilfaser in der Flocke, im Garn oder im fertigen Gewebe, so ist beim Färbeprozeß ein Netz- und Egalisierungsmittel zuzugeben, um einwandfreie und gleichmäßige Färbungen zu erzielen. Die gesponnenen Garne gelangen nun auf den Webstuhl: vorher müssen sie „geschlichtet“ werden, da sie sonst den Webprozeß nicht ohne Schädigung überstehen würden. In der Ausrüstung und Veredlung aber müssen die Gewebe Zuvor „entschlichtet“ werden, damit sie die erforderliche Aufnahmefähigkeit für die im Gänge der Tuchfabrikation anzuwendenden Chemikalien erhalten und das gewünschte „Warenbild“ annehmen können. Sie werden „vorgewaschen“, „gewalkt“, gelangen zum „Crabben“ und schließlich zur Appretur. Bei all diesen Prozessen sind Textilhilfsmittel unerläßlich.

Ebenso steht es bei der Herstellung und Veredlung aller Waren aus Seide, Kunstseide, Baumwolle und den übrigen Faserstoffen. Die Reinheit und Echtheit der Färbungen und Drucke, der (je nach Wunsch) kernige oder fließend weiche „Griff“ der Textilien sind nur durch Anwendung spezieller Textilhilfsmittel zu erzielen.

Besondere Bedeutung hat ein Textilhilfsmittel erlangt, das in den Kunstseidefabriken der Viskose zugesetzt wird und ohne das die Kunstseide die für Reifencord erforderliche Festigkeit und Elastizität nicht erhalten würde.

Bei der Herstellung von Leder sowie von Pelzwaren liegen die Verhältnisse ganz ähnlich: Die Verarbeitung der Rohhaut zum Leder beansprucht zahlreiche Arbeitsprozesse, bei denen chemische Körper als Lederhilfsmittel mitverwendet wenden müssen. So muß die der Lederfabrik (getrocknet oder gesalzen) angelieferte Haut zunächst durch Weichen wieder in ihre ursprüngliche. Form gebracht werden; alsdann müssen alle diejenigen Stoffe aus der Haut herausgelöst werden, die die Lederbildung beeinträchtigen würden.

Die Textil- und Lederhilfsmittelindustrie basiert auf der Seife und dem sogenannten Türkischrotöl, das schon um 1700 bekannt war und als Ölbeize für die Türkischrotöl-Färberei verwendet wurde. Daraus entwickelten sich zunächst die sulfonierten Öle und. Fette, die durch Anlagerung von Schwefelsäure an Öle und Fette hergestellt werden. Besondere Verdienste um die Entwicklung dieser Produkte erwarb sich die Chemische Fabrik Stockhausen & Cie., Krefeld, die zunächst mit der Schaffung der Monopolseife, einem durch Sulfonierung von Rizinusöl gewonnenen Körper, dem in der Färberei alle Vorzüge der bis dahin verwendeten Seife zukommen, ohne deren Nachteile (mangelnde Kalkbeständigkeit in hartem Wasser und dergleichen) zu zeigen, große Erfolge erzielte.

intensive und umfangreiche chemische Forschung ließen in der Folgezeit zahlreiche neue Produkte erstehen, deren Eigenschaften für spezielle Anwendungsgebiete immer weiter „hochgezüchtet“ werden konnten. Neben der Löslichmachung der Öle und Fette durch Sulfonierung lernte man später dadurch Körper mit hochwertigen Eigenschaften herstellen, daß man Öle und Fette mit Amino-, Oxyalkyl- und Arylsulfosäuren sowie mit Äthylenoxyd kondensierte: Verfahren, die in den Werken der ehemaligen I. G. Farben ausgearbeitet wurden. Auch Kondensation mit Eiweißabbauprodukten durch die Chemische Fabrik Grünau führte zu recht interessanten Körpern. Daneben setzte die Entwicklung der Sulfonate von Fettalkoholen durch die Böhme-Fettchemie G. m. b. H. ein, die durch Reduktion natürlicher Öle und Fette (und der entsprechenden Fettsäuren) oder synthetisch gewonnen werden.