Als der alte Syngman Rhee, der sieben Jahre im Gefängnis und 33 Jahre im Exil zugebracht hatte, im Mai vorigen Jahres zum Präsidenten der Republik Südkorea gewählt wurde, war dies eine höchst unzulängliche Erfüllung der Pläne und Bemühungen seines an Enttäuschungen reichen Lebens. Im Jahre 1919 war er zum erstenmal zum Präsidenten ernannt worden – allerdings zum Präsidenten einer Exilregierung, die fern seinem Heimatlande in Shanghai tagte. Die damaligen „Friedensmacher“ hatten sich nie entschließen können, Syngman Rhee, den Rebellen gegen die japanische Großmacht, als Präsident von Korea anzuerkennen, obgleich seine Exilregierung 25 Jahre lang bestand und während des zweiten Weltkrieges zeitweise eine Armee von 35 000 Mann gegen die Japaner ins Feld führte. Syngman Rhee blieb ein König ohne Land. Als die USA, England und China dann in Kairo die Grundzüge für die Neugestaltung der Welt festzulegen begannen, versprachen sie Korea zu einem unabhängigen, freien Staat zu machen. Aber der Staat, an dessen Spitze die einstimmige Wahl des Volkes den 74jährigen Syngman Rhee schließlich berief, war weder frei noch unabhängig, ja, nicht einmal mehr eine Einheit, als welche er doch zwei Jahrtausende bestanden hatte.

Es blieb unserer an politischer Akrobatik und intellektuellen Bocksprüngen so reichen Zeit vorbehalten, eine tausendjährige geschichtliche Einheit aufzuspalten und eine gedachte Linie: den 38. Breitengrad als Grenze zu proklamieren. Es ist wirklich eine seltsame Vorstellung, daß eine als mathematische Hilfskonstruktion ersonnene Linie, die nur auf den Landkarten und in den Köpfen der Geographen existiert, mit einemmal irgendwo in der weiten Landschaft Koreas zu einem unüberwindlichen Hindernis geworden ist. Unwillkürlich wird man an das Märchen erinnert von dem König und seinen Kleidern, die alles Volk bestaunen mußte, obgleich er unbekleidet durch die Straßen schritt.

Einstweilen steht also das Schicksal Koreas unter dem Gesetz dieser Fiktion: im August 1948 wurde nahezu gleichzeitig in Nord- und Südkorea die Annahme einer Verfassung verkündet; beide Regierungen beanspruchen ganz Korea als Herrschaftsbereich, beide erklären Soeul zu der Hauptstadt ihres Reiches – nur provisorisch wird in Nordkorea Pingyang als Hauptstadt angesehen. Beide Regierungen sind von einer Anzahl Staaten der östlichen und westlichen Welt als die jeweils allein befugte Regierungsgewalt anerkannt worden; nur England hat sich traditionsgetreu an die Realitäten gehalten und, als am 18. Januar 1949 die Anerkennung Südkoreas erfolgte, durch ein Kommuniqué des Foreign Office ausdrücklich feststellen lassen, daß sich diese Anerkennung nicht auf ganz Korea bezieht, sondern nur den effektiven Herrschaftsbereich des Südstaates betrifft – wobei sich im übrigen die Frage erhebt, ob diese Formulierung nicht gleichzeitig eine de-facto-Anerkennung der Nordregierung einschließt. Kurz bevor die russischen Truppen Nordkorea endgültig geräumt haben, forderte Moskau den Befehlshaber der amerikanischen Streitkräfte in Südkorea auf, seine beideh amerikanischen Verbindungsoffiziere aus Pingyang zurückzurufen. Seither gibt es nun keinen einzigen Vertreter der westlichen Welt mehr nördlich des 38. Breitengrades, und jede Kommunikation hätte aufgehört, wenn nicht hin und wieder, wie gerade während der letzten Tage, bewaffnete kommunistische Truppen und Banden diese Linie überschritten, um im Süden Unruhe zu stiften. Einen wirtschaftlichen-Warenaustausch zwischen diesen beiden gerade wegen ihrer Verschiedenartigkeit absolut aufeinander angewiesenen Landeshälften gibt es längst nicht mehr. Dem industrialisierter. Norden fehlt seine landwirtschaftliche Versorgungsbasis, und der landwirtschaftliche Süden muß Brennstoff, künstlichen Dünger und andere Lebensnotwendigkeiten aus Japan und Amerika einführen, eben weil jene fiktive Linie ein unüberwindliches Hindernis darstellt.

Nachdem man es fertiggebracht hat, aus der Realität einer tausendjährigen Einheit eine Fiktion oder vielmehr zwei solche zu machen, bemüht man sich nun, aus der Fiktion angeblich unabhängiger und selbständiger Teilgebiete eine Realität werden zu lassen. Die Sowjets haben ihre Zone geräumt und eine „freie und demokratische“ Regierung eingesetzt und in der amerikanischen Zone hat der Marshall-Plan-Administrator Hoffman, als er auf seiner Sechzehntagereise durch Europa und Asien in Soeul eine Pressekonferenz abhielt, gesagt, er erwarte, daß Südkorea bis zum Endtermin des Marshall-Planes 1952 auf eigenen Füßen’stehen werde. Inzwischen sind beide Hälften des Landes damit beschäftigt, Armeen aufzustellen, die jeweils von den sie protegierenden Mächten ausgerüstet werden, wahrscheinlich eingedenk des Versprechens, einen freien und unabhängigen Staat zu schaffen – „zu gegebener Zeit“, wie es im Protokoll von Potsdam heißt. Die von den Sowjets aufgestellte nordkoreanische Armee ist bereits 200 000 Mann stark, während man in Südkorea nach Erklärung des amerikanischen Oberkommandierenden, General Coulter, erst 50 000 Mann mit Pakgeschützen, Granatwerfern und schweren Maschinengewehren ausgerüstet hat. Dafür ist aber am 1. Dezember 1948 die vormilitärische Ausbildung in den südkoreanischen Schulen eingeführt worden. Kurz: alle Voraussetzungen für „Freiheit und Fortschritt“ und für die praktische Anwendung des Selbstbestimmungsrechts der Völker werden zur Zeit geschaffen – allerdings dürfte Syngman Rhee wohl finden, daß die Vollstrecker der Atlantik Charta es ebensowenig wie die Peacemaker von 1918 vermocht haben, in seinem Lande ihre idealen Fiktionen in politische Realitäten umzusetzen.

Marion Gräfin Dönhoff