Von Walter Henkels

Er war aktiver Burschenschafter, hatte erst auf den Paukböden Heidelsbergs, Münchens und Bonns gefochten, war Kontrahent in fast zwei Dutzend Schläger- und Säbelkisten (eine beachtliche Tiefquart ist noch heute auf seiner Backe zu sehen), und der alten Burschenherrlichkeit hatte er seinen Zoll entrichtet, nicht zu knapp. Dann kamen, auch für ihn, die Paukböden Europas, wo er, Bataillonsarzt bei der Infanterie, Beine und Arme absäbeln mußte, bis ihm selbst, im ersten Rußlandwinter, die Füße erfroren. Jetzt trafen wir ihn, der aus dem Ruhrgebiet beigekommen, in Godesberg, wo er die Alten Herren seiner Verbindung wiedersehen wollte, soweit sie davongekommen waren. Sie hatten auch wirklich noch einmal ein bißchen den alten Bier-Komment durchexerziert, etwas gesungen, probeweise einen Salamander gerieben und erzählt, viel erzählt, selbstverständlich, und versucht, so zu tun, als ob. In seinem Köfferchen schleppte der Doktor Mütze und Band mit. „Nun“, sagten wir, „wie war’s?“ Er sagte, etwas lächelnd, etwas wehmütig, mit einem Quentchen Ironie, den einen Satz, in dem alles beschlossen liegt, was es zum Thema „Alte Burschenherrlichkeit“ zu sagen gilt. Er sagte schlicht: „Die Zeiten sind vorbei.“

Oben, auf dem Godesberger Burgfriedhof, liegt, Marmorstein mit goldener Inschrift, seit 1935 die Schutzpatronin dieser Alten Herren begraben: Ännchen Schumacher, die Lindenwirtin, Ehrenbürgerin der Stadt Godesberg, wie auf dem Grabstein zu lesen ist. Wir haben der alten Dame im Silberhaar im letzten Jahrzehnt ihres Lebens noch die Hand gedrückt. Sie verkaufte damals, durch die Inflation verarmt, im „Annchen-Museum“ Kommersbücher und Ansichtskarten mit eigenhändiger Unterschrift.

Soweit Wehmut und Melancholie optisch in Erscheinung treten können, geschieht es auf Ansehens Grab. Sie hocken dort, gemeinsam mit den grauen Vogel Erinnerung, auf der Grabplatte. Es brauchten jetzt nur ab und zu ein paar jener Alten Herren, die vielleicht früher bei ihr in der Kreide hingen, ans Grab zu treten. Aber es kommt niemand mehr von den Alten Herren.

zu Füßen der Burg liegt noch die Gaststätte „Zur Lindenwirtin“, seit 1948 renoviert, poliert, frisch aufgemöbelt und gutbürgerlichen Mittagstisch offerierend. Sie braucht sich, die der Stadt so viel Ruhm eingetragen hat, nicht an die Baufluchtlinie zu halten, denn sie hat schon zwei Jahrhunderte auf dem Buckel. Aber die Gaststätte hat etwas Rührendes an sich wie eine alte, außer Dienst gestellte Spieluhr. Wenn Saison ist, kommen die Fremden, zehren ein wenig von der Erinnerung, gehen in den „Kälberstall“ und den „Postwagen“ und schien sich die vielen Dutzende von historischen Bildern an, die die amerikanischen Soldaten als Souvenirs mitzunehmen vergaßen, sehen unter Glas und Rahmen vergilbte Stiche und vergilbte Füchse, Burschen und Philister. Vierundfünfzig studentische Verbindungen tagten und kommersierten vor dem ersten Weltkrieg bei der Lindenwirtin, eine Zahl, die von keiner anderen Studentenkneipe je erreicht worden ist.

Studentenstadt sind Bonn und Godesberg geblieben. Die juristische Fakultät der Bonner Universität sitzt in Godesberg, ebenfalls einige Kliniken der medizinischen Fakultät. Aber es ist eine neue Sorte Studenten. Wie um den Unterschied zu ihren Vätern deutlicher zu machen, liegt gleich neben dem Ännchen-Haus, im Haus Rheingold, die neue Mensa‚ wo sich die neuen „Studiker“ (die es nun auch in nicht geringer Zahl in weiblicher Ausgabe gibt) abfüttern lassen, falls ihnen überhaupt ihr Geldbeutel ein Mittagessen erlaubt.

Geblieben ist das alte Ännchen-Lied von der jungen Lindenwirtin, nur mit anderer Vertonung, anderem Zungenschlag und nicht mehr aus Bierkehlen gesungen: „Keinen Tropfen im Becher – mehr und der Beutel schlaff und leer.“ Es ist gewissermaßen die Nationalhymne dieser Studentengeneration geworden: Der Geldbeutel schlaff und leer! Wie sagte der Mann, der Mütze und Band im Köfferchen trug und wieder ins Ruhrgebiet fuhr? „Die Zeiten sind vorbei!“ Und die berechtigte Wehmut, mit der er es sagte, änderte nichts an dem Tatbestand.