Von Hellmut Holthaus

Also sprachen die Gesetze der Stadt Athen zu Sokrates: „Keines von uns steht dem im Wege oder verbietet es, wenn jemand von euch, dem wir und die Stadt nicht gefallen, in eine Pflanzstadt ziehen oder auch anderswohin sich begaben will, wo es ihm nur beliebt, unter Mitnahme all des Seinigen.“

Und also lautet das Gesetz, das vom Parlament der Volksdemokratie Polen beschlossen wurde: „Unbefugtes Verlassen des polnischen Staatsgebietes wird mit drei Jahren Gefängnis bestraft.“

Möchten Sie in einen Abgrund oder ins Meer gestürzt, mit dem Schwert hingerichtet, durch Gift umgebracht werden – oder ziehen Sie die Verbannung vor, das heißt die Verweisung aus Ihrem Vaterland auf Lebenszeit, mit der Freiheit, überallhin zu gehen in der Welt, wohin Sie wollen?

Komische Frage! Gibt es einen Zeitgenossen, dem die Wahl schwer fiele oder der sich gar für den Tod entschiede?

Im alten Athen war die Frage nicht komisch. Dort war die Verbannung die schwerste Strafe nach der des Todes; galt sie für immer, so stand sie der Todesstrafe gleich. Viele wählten eine der drei üblichen Todesarten, nicht allein Sokrates. Und dies, obwohl nicht die Wildnis auf sie wartete, kein Sibirien und kein Pfefferland; sie konnten sich in einen der griechischen Nachbarstaaten wenden, in denen man nicht schlechter lebte, sie konnten in eine der asiatischen Weltstädte gehen – aber der Athener, dem sein Vaterland genommen war, fand auf der ganzen Erde sein Athen nicht wieder. Für ihn war das Leben nicht mehr lebenswert.

Welch ein geliebtes Vaterland muß das sein, welch Selbstgefühl muß ein Volk beseelen, das, obwohl es die übrige Welt kennt, weil Auslandsreisen ihm nicht verboten sind, sich doch nichts Schlimmeres denken kann als den Verlust der Heimat, ihrer Verfassung und ihrer Gesetze!