Wie man weiß, ist es in Frankreich, wo die Literatur eine viel wichtigere Rolle im öffentlichen Leben als in Deutschland spielt, geradezu ein ungeschriebenes Gesetz, daß der Politiker, der Diplomat – es gibt einen Prix des Ambassadeurs – auch literarisch seine Befähigung nachweist. So hatClemenceau neben dem „Großen Pan“ und einer schönen Arbeit über den Maler Monet ein Buch über Demosthenes veröffentlicht und im „Abend des Denkens“ in zwei Bänden seine skeptische Altersweisheit formuliert. Herriot schrieb ein klassisch gewordenes Buch über Madame Récamier und ihre Freunde. Und Léon Blum schrieb, was bei uns wenig bekannt ist, „Neue Unterhaltungen Goethes mit Eck ermann“ und weiterhin einen Essay-Band mit glänzenden Paradoxen über die Ehe (1906), in dem er für die Kameradschaftsehe eintritt.

Bedeutsam ist vor allem aber sein literarisches Werk „Stendhal und der Beylismus“. In diesem Buche wird Stendhal-Beyles Einwirkung auf die Nachwelt verfolgt, die selber so bestimmt vorausgesagt hatte. Zwei Wellen des Beylismus zeichnen sich ab, wie Blum nachweist: einmal um 1850 in dem Kreis um den in den Ardennen gebürtigen Hippolyte Taine und später um 1880 bei Paul Bourget und Maurice Barrès. Taine bewegte sich in seiner „Italienischen Reise“ und in seinem hinterlassenen „Etienne Mayran“, einem autobiographischen Jugendfragment mit Julien Sorelschen Zügen, künstlerisch ganz in Beyleschen Bahnen. Und es ist bemerkenswert, daß später nicht nur Bourget und Barres als anfängliche Stendhalianer, sondern der Verfasser, Léon Blum selbst, sich vom literarischen Kritiker zum politischen Schriftsteller und Redner entwickelten.

F. Montfort