Der Stil in der Mode ist mehr als nur Ausdruck einer individuellen weiblichen Persönlichkeit: Im Schnitt eines Rockes, in der Farbe des Kleides und im Muster des Stoffes zeigt sich, wenn alles zusammenstimmt, der Scharm einer Frau. Weiblicher Scharm entdeckt tausend Möglichkeiten und spielt mit ihnen. Das Typische jeder Frau soll der Modestil zeigen, hervorheben und – diskret unterstreichen. Da gibt es die herbe Linie, mit den engen Röcken und sachlich zugeschnitten, den einfachen Jacken mit einer strengen Zugeknöpftheit bis zum Halse hin: nach dem ersten Weltkrieg ließ die Mode gerade diesen Stil dominieren und die Frauen verstärkten ihre Nüchternheit in der Kleidung, indem sie ihre Haare abschnitten.

Nach dem zweiten Krieg feierte der reizende phantasiereiche weibliche Stil zunächst große Triumphe: bunte lange Röcke, Regenschirm, Schößchen und Rüschen wie aus der Biedermeierzeit, kurz, alles das, was uns als "New Look" erstaunte, trugen die Frauen auf den Straßen unserer Großstädte. Und die Bestinformierten, die auch im abgeschnittenen Deutschland die Verbindung mit den Modekönigen in Paris betonen wollten, trugen die Röcke gar so lang, daß sie sie aufraffen mußten, stiegen sie über die Trümmer. Inzwischen scheint die Neuromantik des "New Look" sich mehr unseren Verhältnissen anzupassen: aus Paris meldet man für den Frühling weniger Stoffülle, kürzere Röcke, und abgeschnittene Locken. Strenge oder lockende Weiblichkeit, schlichte Zurückhaltung oder reizende Buntheit sind die immer wiederholbaren Spiele.

Ist die Mode nun ein Seismograph für den inneren Zustand der Menschen einer Epoche oder für ihre Wunschträume vom Leben? Bestimmt ist es viel schwerer, als viele Frauen denken, ihren wirklichen Stil zu finden. Wie schwierig allein mag es sein, sich zwischen dem betont Weiblichen und dem Sachlichen zu entscheiden. Und zweifellos gibt es Frauen, die Sachlichkeit und weiblichen Scharm so sicher in sich vereinen, daß sie durch äußere Verwandlungen überraschen können, ohne stillos zu sein. Unerläßlich allerdings ist die "diskrete" Unterstreichung der Persönlichkeit mit den äußeren Mitteln der Mode.

Wie viele Frauen gibt es doch, die nicht wissen, was ihnen steht, und wieviele, die sich, weil sie ihren Stil endlich gefunden zu haben glauben, auf ein Schema festlegen und sich "stilisieren". Stil aber ist lebendig, er wandelt sich, wie die Menschen sich wandeln. Stil bekommt man weder durch einen kess um die Schultern geschlagenen Schal noch durch knallrote Handschuhe. Stil bekommt man überhaupt nicht, man hat ihn! Und von hier aus gesehen, hat Mode sogar eine "soziale Funktion". Sie soll Verirrte und ihre Umwelt vor Mißgriffen, Überpointierungen, Schematismus in der Kleidung beschützen und den Geschmack beraten, der selbst bei der sichersten Frau oft unsicher wird, wenn es sich um den eigenen Stil handelt. P. H.