Moskaus zwiefache Sprache hat oft die Welt in Erstaunen versetzt. Die neue Taktik, welche die Machthaber im Kreml jetzt gegenüber Jugoslawien Mind Norwegen anwenden, ist geradezu ein Schulbeispiel ihrer Politik. Die Jugoslawen werden einerseits unter erbarmungslosen Druck gesetzt, obwohl sie eine Regierung haben, die alles versucht, sich mit Moskau zu versöhnen und zu verständigen. Die Norwegen anderseits haben keine kommunistische Regierung, werden aber umworben und erhalten die freundschaftlichsten Zusicherungen, die bis zu dem Vorschlag reichen, einen Nichtangriffspakt abzuschließen.

In Moskau bildeten Stalins Satelliten einen "Rat" für gegenseitige Wirtschaftshilfe". Die Beigrader Regierung war auch diesmal nicht eingeladen worden. Entgegen den Erwartungen des Westens jedoch erfolgte prompt die jugoslawische Reaktion. Außenminister Kardelj beklagte sich, daß sein Land nicht in dem neuen Wirtschaftsrat Aufnahme gefunden habe. Die feindliche Haltung der Volksdemokratien Jugoslawien gegenüber, so heißt es in einer Belgrader Note an Moskau, beruhe auf Vorurteilen. Deswegen müsse sie endlich aufgegeben werden. Sie schädige nur die jugoslawische Wirtschaft und seinen sozialistischen Aufbau. Jugoslawien sei trotz dieser Vorkommnisse aber bereit, sich als gleichberechtigter Partner an dem osteuropäischen "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" zu beteiligen.

Es ist bezeichnend, daß Tito gerade an der Stelle in Moskau Anschluß zu finden sucht, wo er ihn einmal verloren hat. Das Zerwürfnis im Sommer vorigen Jahres kam, weil die jugoslawischen Kommunisten sich nicht begnügten, ein Glied der Gesamtwirtschaft des Ostens zu bleiben, sondern glaubten, eine selbständige Wirtschaft entwickeln zu können, die auch dem anderen Partner mehr Nutzen bringen würde. Titos Schuld vor seinen großen Brüdern war, daß er in seinem Eifer, es besser zu machen, von der Linie abwich. Dieser Irrtum sollte bestraft werden; er hatte offenbar vergessen, daß vor ihm bereits zwei Generalsekretäre der jugoslawischen kommunistischen Partei wegen Ungehorsams unter die bolschewistischen Räder kamen. Natürlich war es damals für Stalin kein ernstes Problem, den Generalsekretär einer kommunistischen Partei zu stürzen, die nicht nur keine Aussichten hatte, in der nahen Zukunft an die Macht zu kommen, sondern auch nur eine unbedeutende Rolle in der Opposition spielte. 1925 wurde Sima Markowic in den Kreml zitiert und kehrte nie wieder zurück. 1938 verschwand in den Moskauer Wirren auch Gorkic. Ihr Nachfolger Tito hat sich erstaunlich lange gehalten.

Strategisch und politisch ist aber Jugoslawien für die Sowjetunion gerade heute außerordentlich wichtig. Durch eine kremlfreundliche Belgrader Regierung hätten die Sowjets jederzeit Zugang zum Mittelmeer. Außerdem war Jugoslawien immer ein wichtiger Kanal nach Italien und von dort nach den übrigen westeuropäischen Ländern. Und wenn Tito gar zu dem Westen überliefe, dann wäre der unmittelbare Einfluß auf Ungarn, Rumänien und Bulgarien von nicht zu übersehender Bedeutung.

Deswegen fand der Krach zwischen dem Kominform und Belgrad nicht die typisch autoritäre schnelle Erledigung. Titos unerwarteter Widerstand stellte Moskau Vor neue Probleme. Wenn, die Spannung zwischen Ost und West sich nicht gegenwärtig in einer so kritischen Phase befände und Stalin glauben könnte, mehrere Jahre Zeit zu haben, wäre der Sturz Titos keine allzu schwierige Angelegenheit. Man hätte dann nämlich wieder einmal Zeit genug, Gras über die Affäre seiner Erledigung wachsen zu lassen. Jetzt aber bleibt den roten Machthabern nur der ungewohnte Weg, sich entweder mit Tito zu verständigen oder aber – was ihnen lieber wäre – ihn als Kapitalisten und Reaktionär bloßzustellen und zu warten, bis seine nächsten kommunistischen Mitarbeiter sich von ihm abwenden und ihn schließlich stürzen. Dies ist jedoch nur möglich bei weiterer Annäherung Titos an den Westen. –

Dort, wo durch offenen Druck allein die Sowjetdiplomatie keine Chancen für einen Erfolg sieht, wendet sie sanftere Methoden an. Nur so kann man sich erklären, daß die Sowjetunion innerhalb von einer Woche zwei Noten an Oslo sandte, die in ihrem Ton völlig verschieden waren. Das erstemal fragte Moskau an, ob die norwegische Regierung die Absicht habe, sich an den Nordatlantikpakt anzuschließen, und ob sie in diesem Falle Stützpunkte den USA abzugeben beabsichtige. Die Note war eine offensichtliche Warnung und Drohung für die Norweger. Die feste Haltung der norwegischen Regierung veranlaßte den Kreml zu dem zweiten Schritt, um zu retten, was noch zu retten ist. "Um jeden Zweifel an den friedlichen Absichten der Sowjetunion zu beseitigen", heißt es in der neuen Note, "schlägt die Regierung der UdSSR der norwegischen Regierung einen Nichtangriffspakt vor."

Ob der neue Schritt des Kremls die Norweger veranlassen wird, ihre bereits eingeschlagene Politik zu ändern, ist sehr zweifelhaft. Es ist auch kaum zu erwarten, daß dann Stalin gleich die Konsequenzen ziehen würde, die sonst eine Großmacht ziehen müßte, die von einem kleineren Nachbarn eine solche Abfuhr erhält. Man wird mit neuen diplomatischen Bemühungen Moskaus rechnen müssen, Norwegen dem Atlantikpakt fernzuhalten. Das würde genau der gegenwärtigen Politik Moskaus entsprechen nichts unversucht zu lassen, die Konsolidierung und Stärkung des Westens mit gleisnerischer Friedfertigkeit zu stören, und gleichzeitig im eigenen Lager straffen Gehorsam von den Satelliten zu erzwingen. Der Ostwirtschaftsrat, der seine Spitze vor altem gegen Tito richtet, und die diplomatischen Schritte in Norwegen sind nur eine neue Bestätigung dieser sowjetischen Politik. A. P. Bobew