Hindemiths "Herodiade" und Strawinskys "Orpheus"

Vier Wegbereiter und Hauptvertreter der neuen Musik: Schönberg, Bartók, Strawinsky, Hindemith, wurden vom Südwestfunk in Baden-Baden zwar nicht persönlich, doch mit neuen, erst aufgeführten Schaffenszeugnissen zu einem interessanten Meeting versammelt. Die Vortruppstellung des Südwestfunks, an sich längst bekannt, wurde in einem Kammer-, und einem Sinfoniekonzert, beide geleitet von Hans Rosbaud, wieder bestätigt. Die deutsche Erstaufführung – zwei Tage darauf erklang das Werk in München unter der Leitung des Komponisten – von Paul Hindemiths "Herodiade" zeigte den Meister handwerklicher Satzkunst, thematischer und kontrapunktischer Verarbeitung auf den ganz ungewohnten Wegen’ einer frei komponierenden Phantasie. Diese "Recitation orchestrale" (wie der Untertitel lautet) – in USA wurde das Werk auch tänzerisch dargeboten – ist von einer Dichtung Millarmés inspiriert: einem Gespräch zwischen Salome und ihrer Amme, worin sich die Herodiastochter in einer Art selbstbuhlerischer Perversion an der eigenen, Schönheit und in seltsamer Keuschheitsmanie berauscht. Wort für Wort, Silbe für Silbe der Dichtung sind vom Metrum der Sprache auf den Rhythmus einer "unendlichen Melodie" in einem subtilen Klanggeflecht für elf Soloinstrumente (fünf Bläser, Streichquintett und Klavier) übertragen. Als Ganzes der interessante Versuch, was die Wortmusik Mallarmés anstrebte, mit den Mitteln melodisch-klanglicher Suggestion beim Hörer zu erreichen – ein freilich noch recht problematischer Versuch.

Wesentlich stärker überzeugt, ja geradezu bezaubert fand man sich von der elegant-gestrafften Klassizität, der geistigen Stilsublimierung, der Präzision, Klarheit und souverän geübter Kunst des Weglassens in Igor Strawinskys Ballettmusik "Orpheus" (komponiert 1947). Erinnernd in den "Apollon Musagète" ist diese nirgends gefühlshaft illustrative, sondern gestisch die Vorgänge stützende und spiegelnde Partitur ganz vom klassischen Ballettstil diktiert und zugleich ein Beispiel für Strawinskys spiralgleich verlaufenden Schaffensweg und seine die früheren markanten Situationen synthetisch-rekapitulierende Formgebung. Ein Oboen-Duett erinnert an Bachs Kirchenstil; Orpheus’ und Eurydices "Pas de deux" basiert auf der edeln Stilisierung reinen Streicherklangs, und die tragische Peripetie wird durch ein Minimum von Aufwand, durch eine bloße Generalpause gegenständlich; bei der Raserei der Bacchantinnen, die Orpheus zerreißen, klingt in den grellen Blechbläser-Dissonanzen die elementare skythische Rhythmik des "Frühlingsopfers" auf. Nur in der abschließenden "Apotheose" wirken Eingebung und Gestaltung seltsam blaß und abgeschwächt.

Von Béla Bartók weckte die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug (mit Hans Rosbaud und Carl Seemann als ausgezeichneten Pianisten), ein Dokument des klassisch gebändigten Spätstils, und ganz besonders das musikantisch-charmante Schluß-Allegro begeisterte Zustimmung. Arnold Schönbergs im Zwölftonstil gehaltenes und zugleich romantisch der Dur-Moll-Tonalität adaptiertes Klavierkonzert – eigentlich eine vierteilige Sinfonie mit obligatem Klavier – fand nach der wenig zureichenden Darmstädter Erstdarbietung durch Rosbaud eine absolut klar strukturierte, auch klanglich sorgsam differenzierte Wiedergabe. Dazu trug auch die pianistische Könnerschaft und Stilvertrautheit von Peter Stadien (London) Wesentliches bei. Beispielhaft in der Interpretation der bedeutsamen Neuheiten, erwies Rosbaud auch an den zusätzlichen Werken – Debussys Ballettmusik "Die Spielzeugschachtel", Busonis "Lustspiel-Ouvertüre" und Mozarts (herrlich musizierter) "Jupiter-Sinfonie" – sein, geistig suggestives wie spielerzieherisches Dirigententum.

Fritz Bouquet