Von Herbert Fritsche

Die Geologie, die die Vergangenheit der Erde und ihres Lebens durchforscht, bedient sich der "Leitfossilien", um einen bestimmten Zeitabschnitt präzis zu kennzeichnen: Für jede Schicht mit irgendein Lebewesen, das damals und nur amals weltweit verbreitet und gleichsam tonngebend war, charakteristisch; für die zum rühen Erdaltertum zählende Silurzeit waren es die Graptolithen, kolonieweise schwimmende leerestiere, deren fossil erhaltene Lebensspuren eins, wenn wir sie irgendwo im Gestein entdecken, bendieses Gestein als silurischen Ursprungs ausweisen. Innerhalb eines Erdzeitalters gibt es nun für jede der Unterepochen Leitfossilien, die enaue zeitliche Unterscheidungen ermöglichen.

Würde eine ferne Zukunft nach "Leitfossilien" für die letzten drei Menschenalter fahnden, so önnte kaum eine Sonderform der seit einigen ahrtausenden erdumspannend maßgeblichen species Homo sapiens dafür geeigneter sein als der neurotische Mensch. Man wird ihn nicht an einen Fossilien – Knochenresten irgendwo im allgemeinen Schutt – erkennen können, wohl her an einer anderen Hinterlassenschaft seiner Erdentage: an diesem allgemeinen Kulturschutt elber und an der über ihn irrwischhaft hinwegeisternden Literatur, wenn deren Dokumente rhalten bleiben sollten.

Der neurotische Mensch versteht sich selber sieht. Aber die für ihn zuständige Sparte der Wissenschaft, die Psychiatrie – samt ihren abrünnig gewordenen Kindern, den diversen tiefenpsychologischen Schulen – versteht ihn ebenfalls nicht. Das Wort "Le style c’est l’homme" – Sie Formulierungsfähigkeit kennzeichnet den Renschen – stammt nicht von einem Künstler, sondern von einem Gelehrten, von Buffon. Wenden wir es auf die hier zu betrachtenden Wissenschaftler, auf die Spezialärzte für Psychiatrie und Verwandtes an, so liefert bereits die Fachsprache Signaturen in Überfülle für dieses Mißverstehen. Das Wort "Neurose" ist sinnwidrig, denn es bedeutet Nervenleiden, obwohl man sicher weiß, daß alles Neurotische mit den Nerven (im Sinne physisch faßbarer Leitungsbahnen des Organismus) nichts zu tun hat, wohl aber mit der Seele. Man müßte von "Psychosen" statt von "Neurosen" sprechen, nur werden leider – ebenso sinnwidrig – unter Psychosen jene Geisteskrankheiten verstanden, die wiederum nicht mit dem Geist, sondern mit dem Gehirn, einem Körperorgan, zu tun haben (also den Namen Enkephalosen Verdienten). Unter diesen Geisteskrankheiten ist die häufigste und auch in Laienkreisen bekannteste die Schizophrenie, welches Wort so viel wie Gemütsspaltung, Riß durch das Seelenleben bedeutet. Dies aber wäre genau die richtige Kennzeichnung für das, was wir Neurose nennen, während die tatsächlich als Schizophrenie bezeichnete Geisteskrankheit ganz offenkundig den wüsten Dissonanzen entspricht, die sinnlos und schauerlich einem defekt gewordenen Instrument entquellen. Auch daß man den Arzt, der Geisteskranke zu begutachten und zu kasernieren hat, Psychiater, "Arzt der Seele" nennt, während derjenige, den der seelisch Leidende aufsucht, gemeinhin als "Nervenarzt" firmiert, gehört in die babylonische Sprachverwirrung, die das Thema "Der neurotische Mensch" stilgemäß, umbrandet.

Seit Breuer und Freud – also rund seit der Jahrhundertwende – ist der neurotische Mensch populär geworden. Kurz zuvor gehörten Vokabeln wie "missing link", "Pithecanthropus erectus" und "Sieg des Tüchtigsten" zum Jargon – des aufgeklärten Plauderers im Familien- und Freundeskreis; nunmehr wurden sie abgelöst durch "Oedipuskomplex", "Libido" und "sublimierte Triebe". Aber bald schon war rückständig, wer bei Freud verblieb: man hatte es mit Adler zu halten, mit "Organminderwertigkeiten" und "Überkompensationen", bis man schließlich über C. G. Jung hinweg Anschluß an höheres Bildungsgut gewann, an "Archetypen", "kollektives Unbewußtes’ und "Individuationsprozesse". Heute beginnt die Uranspaltung das Feld zu behaupten, der Quantentheoretiker löst den Psychotherapeuten ab, Wien und Zürich als die Hauptquartiere seelenkundlicher Kanalisationsbemühungen werden uninteressant, wenn Worte wie Hiroshima und Bikini fallen.

Aber ist diese Linie der Gesprächsbeliebtheiten von Darwin über Freud und seine Stiefkinder bis zum Atomzeitalter ein Zufallsgebilde? Oder gibt es da aufschlußreiche Zusammenhänge? Sollte vielleicht der neurotische Mensch, dem sich die Analytiker mit breiter Streuung ihrer Erkenntnisse in Hirn und Herz der Massen widmeten und widmen, ein Kind des Pithecanthropus erectus sein, des Menschen, der keinen Wert mehr auf das Beiwort "sapiens" – weise – legt, statt dessen aber stolz ist, einen im Daseinskampf besonders erfolgreichen Affen zum Ahnen zu haben? Und ist am Ende gar das Wort Bikini, das wie ein bitterer Hohn auf Bimini, die Insel der Glückseligkeit, klingt, ein Echo, das zum neurotischen Menschen zurückkehrt, wenn er sein Lebensbekenntnis in die Welt hineinruft?

Halten wir uns an die Erfahrung! Der Mensch, der sein Wesen und Werden einst von oben nach unten verstand – im Sinne des Paracelsuswortes, daß nur die Höhe des Menschen der Mensch sei, im Sinne auch der Botschaft vom "Fünklein", die uns Meister Eckehart brachte –, machte sich seit den "Gründerjahren" massive Emporkömmlings-Ideale zu eigen. Ein Götterfunken, in irdische Hüllen hinabgesunken: das enthielt peinliche Verpflichtungen zu den Sternen hin. Aber "freie Bahn dem Tüchtigen" vom Schimpansen her, der, wenn er nur "richtig liegt" im Kampf aller gegen alle, den "fest auf dem Boden der Wirklichkeit stehenden" Menschen aus sich hervorgehen läßr (der eiszeitliche Schimpanse Dryopithecus gilt noch heute zahlreichen Anthropologen als Ahne des Menschen) –: das entsprach jener Sicht und Lebenspraxis, die sich in zwei Weltkriegen und in Millionen von Neurosen entlud. Bringt man Freuds zentrale Lehre in diesen Zusammenhang, so heißt sie: Neurosen, sedische Foltern, Zwänge und Krisen, kommen zustande, wenn etwas "verdrängt wird". "Nur ja nichts verdrängen!" Was aber pflegt denn verdrängt zu werden? Bezeichnenderweise greift Freud, um das zu erläutern, auf die "Urhorde" zurück, auf den Haufen Affenmenschen, der von einem brutalen Horden-Pascha in Schach gehalten wird. Dort schon begann das Verdrängen: man konnte nicht so, wie man wollte. Inzwischen ist all das weit schlimmer geworden.