Von Fedor Lessadowski

Feodor Feodorowitsch Lessadowski gehörte bis vor kurzem zu den populärsten Schriftstellern der Sowjetunion. Da seine Popularität aber nicht zuletzt auf seiner Neigung zu liebenswürdiger Ironie und seiner Begabung für treffende Satire beruhte – er war Mitarbeiter des berühmten "Krokodil" –, so wurde sie an maßgeblicher Stelle als unbequem empfunden. Lessadowski verließ darum die UdSSR "geräuschlos", er sich ausdrückt, um sich nach Amerika zu begeben, wo seine Romane "Die Empörung" und "Annuschka bleibt am Leben" ihm einen Kreis begeisterter Anhänger verschafft haben. Auf die Frage nach den Gründen seiner Auswanderung erwiderte er: "Aus Gesundheitsrücksichten – zu wenig Luft und zu scharfer Wind für meine Stimmbänder."

Mein Gott, wie oft habe ich dieses Wort in der anderen Welt, in der ich die ersten fünfzig Jahre meines Lebens aufgegessen und verschlafen habe, gehört und selbst nachgeplappert! Geplappert; nicht gesprochen; so mit einem kleinen mechanisierten Seufzer und ohne die natürliche Trägheit meiner Denkapparatur im geringsten anzugreifen. Ich glaube, ich werde dieses Wort, seitdem ich es gestern nacht in meiner Sprache, die hier in dieser hellen, lauten Karussellstadt wie in Watte gehüllt klingt, leise zu mir selber gesprochen habe, nicht wieder plappern mögen. Es ist ein gutes Wort.

Nachdem ich den ganzen Tag über alles hatte sehr schön und sehr historisch finden müssen, sollte ich in der Nacht noch eine weitere Spezialität, die Bohême, begutachten. Man stieß mich, so gegen Mitternacht, freundlich in ein sehr gefülltes Lokal. Die Gäste, also: Bohême und, ich glaube, solche Parteilose, die dafür gehalten werden wollen – aber wenn sie selbst davon überzeugt sind, soll man’s ihnen schon glauben; und dann noch Menschen, dienen bestimmt das Demonstrieren einer nachlässigen Eleganz – auch eine "chose spécial" – zur Hauptaufgabe ihrer Abende geworden ist. Außerdem natürlich auch Leute, die an der Stimmung und der physiologischen Ebene ihrer Nachbarn berufliches Interesse nehmen. Gäste weiblichen Geschlechts-

Es ist sehr laut und sehr eng. Auch in der Luft, oder vielmehr in dem Raum zwischen Tischen und Decke, ist arges Gedränge. Am Klavier sitzt ein kleiner, schmaler, brünetter Mann und gibt sich individuellen Abweichungen hin; ich meine, er tummelt sich in frischen Schlagern und um diese herum, unterstreicht eigene Verzierungen, bricht plötzlich gelangweilt ab; das ist der Beweis dafür, daß soeben wichtigere Gedanken sein künstlerisches Interesse an diesem Krämchen evakuiert haben. Er duzt sich mit den Parteilosen und den Berufsgästen an den nächsten beiden Tischen.

In der Tür steht ein neuer Besucher. Er würde nicht auffallen, und die Gäste sehen auch nur einen Augenblick nach dem Unscheinbaren; sie würden ihn sofort vergessen, wenn er nun weiterginge und sich einen Platz suchte, dieser große, nüchterne einfache Mann mit der etwas dunklen Brille. Aber er ist ruhig stehengeblieben, gleich am Eingang, hat seinen Stock fest auf den Boden gestellt, den Oberkörper ganz leicht vorgebeugt, so, als ob er gespannt und konzentriert horche, vielleicht auf irgendwer, oder irgendwas warte, In diesem Horchen und Warten ist etwas Abseitiges, so, als ob er neben einer großen Straße stünde.

Ein zufriedener, satter Mann, wahrscheinlich Monsieur le proprietaite, ist an ihn herangetreten, spricht mit ihm, scheint etwas unschlüssig zu sein, überlegt. Der Mann wartet ruhig, unberührt, macht keine Bewegung. Hebt dann aber kurz und schnell die rechte Hand und sagt ebenso kurz und schnell ein paar leise Worte, man sieht einen Trauring an seinem Finger. Jetzt entschließt sich der Satte, nimmt den anderen unter den Arm und führt ihn sorglich, behutsam – ich finde, er zeigt ein wenig zuviel Behutsamkeit – zwischen den Stühlen und Tischen hindurch zum Klavier. Ein Gast fragt, und er antwortet – ein wenig zu vernehmlich – "...blind geboren, der arme Kerl ..." Auf seinen rasierten Backen liegt Wohlwollen.