Pharmazeutische Industrie in Not

Nach der Geldreform hat man sich daran gewohnt, die pharmazeutische Industrie als Problemindustrie zu bezeichnen, weil die Folgen dieser Reform bei ihr in besonderem Maße in Erscheinung traten – allerdings anders, als man es gemeinhin unter dem Eindruck des Beispiel anderer konsumnaher Industrien erwartet hatte. Betrachtet man diese Industrie einmal unter allgemein wirtschaftspolitischem Aspekt, so trifft man sehr bald auf typische "neuralgische Punkte" unserer Gesamtwirtschaft.

Das Hauptziel der Geldreform war, durch Beseitigung des Geldüberhangs eine bessere Relation zwischen Kaufkraft und Produktion herzustellen. Dieser Überhang war überall fort störend fühlbar, wo die Nachfrage nicht genügend befriedigt werden konnte. Das war jedoch bei Arzneimitteln nicht der Fall, weil durch den Vorrang der Arzneimittelversorgung im Zusammenwirken mit Großhandel, Apothekern und Ärzten ernsthafte Versorgungslücken immer noch vermieden werden konnten. Arzneimittel waren eben nicht bewirtschaftet und daher gab es auch im Verhältnis zu ihnen keinen "Geldüberhang", dies um so weniger, als die gestiegenen Roh- und Hilfsstoff preise (bei auf Basis von 1936 gestopp- – ten Verkaufspreisen) einerseits und eine progressive Besteuerung anderseits schon dafür sorgten, daß selbst erhöhte Umsätze keinesfalls zu einer Polsterbildung führen konnten. Die durch die Geldreform beseitigten liquiden Mittel waren daher durchaus normale und notwendige betriebliebe Reserven.

Von einer übernormalen Lagerhaltung konnte ebenfalls nicht die Redesein. Untersuchungen haben ergeben, daß diese im Durchschnitt noch unter der normalen Friedenslagerhaltung lag, obwohl aus Gründen einer eventuell gefährdeten Versorgung verschiedentlich örtlich eine besondere Lagerhaltung behördlich angeordnet worden war. Die Absicht also, durch die Reduzierung des Geldvolumens zu einer Lagerauflösung zu kommen, mußte hier zwangsläufig scheitern. Damit stand also praktisch die Industrie vor der Situation, ihr Fortbestehen ohne Reserven allein aus dem Umsatz aufzubauen.

Daß sich die Absatzlage nach der Reformwesentlich veränderte, konnte zwar im Prinzip nicht verwundern, hat aber in manchen Einzelfällen doch zu Überraschungen geführt. Eine der bemerkenswertesten ist die wiedererstandene Werbekraft alteingeführten Marken. Es waren, teils unter dem Druck der notwendigen Arzneimittelversorgung, teils auch aus ganz neuer Entwicklung, in der Zwischenzeit eine große Reihe neuer Präparate auf dem Markt erschienen, welche die (durch das Fehlen mancher Altpräparate bedingte) Versorgungslücken ausfüllten, wobei es sich also um Ersatzpräparate, aber gar nicht immer um minderwertigen "Ersatz" handelte. Nun stellte sich heraus, daß diese bei dem Wiedererscheinen der alten Marken selbst bei gleichwertiger Qualität häufig unverkäuflich blieben. Man wird Verständnis dafür aufbringen müssen, wenn daher Großhandel und Apotheker beim Einkauf neuerer Präparate äußerst zurückhaltend wurden.

Das aber zwang die Industrie, nunmehr erhebliche Mittel in die Werbung und vor allem in die wissenschaftliche Information stecken zu müssen, denn unter der Voraussetzung qualitativ ernsthafter Präparate (und nur von diesen kann die Rede sein) war es ja notwendig, der inzwischen nachgerückten Ärztegeneration und auch der Bevölkerung, soweit sie in den vergangenen Jahren durch den Krieg den Kontakt mit der jüngsten wissenschaftlichen Entwicklung verloren hatte, die neueren Präparate nahezubringen. Früher könnten diese Mittel aus dem Umsatz aufgebracht und getragen werden, weil außer dem hohen Exportanteil gerade dieser Industrie ein großer Teil der Präparate "Handverkaufsartikel" waren, die keiner ärztlichen und damit vor allem kassenärztlichen Verschreibung unterlagen. Dies spielte schon in Zeiten normaler Kaufkraft, insbesondere aber auch vor der Währungsreform, eine Rolle, wo infolge des Geldüberhangs und der fehlenden Bewirtschaftung schon aus psychologischen Gründen stärker gekauft wurde, als vielleicht unbedingt nötig war. Beispielsweise betrug der Anteil der von den Krankenkassen getragenen Arzneimittelkosten an dem Gesamtumsatz der Hamburger pharmazeutischen Industrie im Jahre 1947 nur etwa 10 v. H.

Man könnte überspitzt sagen, daß mit der Geldreform die Leute schlagartig gesund geworden sind. Selbst wenn der Krankenkassenanteil in verschiedenen Gebieten zum Teil bis auf das Doppelte gestiegen ist, so ist dafür der, Anteil der "Handverkaufsartikel" erheblich zurückgegangen. Das Verhältnis zu den Krankenkassen hat damit wieder sehr an Bedeutung gewonnen und leider zu einer Entwicklung geführt, die schon einmal, in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg, sehr unerquickliche Auseinandersetzungen mit sich gebracht hat. Die Kassen haben damals, wie erinnerlich, den "Regelbetrag" angewandt, d. h. jeder Kassenarzt durfte im Durchschnitt je Patient und Quartal nur für einen bestimmten Betrag verordnen und war bei Überschreitung der Kasse gegenüber regreßpflichtig. Wegen der nach der Reform gestiegenen Anforderungen gehen die Kassen nunmehr wieder dazu über, den "Regelbetrag" anzuwenden, obwohl damals in einer jahrzehntelangen Diskussion bereits bewiesen worden ist, daß für die Beurteilung von Arzneimitteln niemals der Preis, sondern nur ihre Qualität ausschlaggebend ist. Ein "teures" Präparat kann auf Grund seiner größeren und besseren Wirksamkeit auch für die Kasse sehr viel wirtschaftlicher sein als ein "billiges". Die Festsetzung von Regelbeträgen ist daer unsinnig und führt nur zu einem psychologischen Druck auf die Ärzte, zu Lasten des Kranken – und wenn dann noch Limits eingeführt werden, die in ihrer Höhe dem Preisniveau längst vergangener Zeiten entsprechen, dann kann man sich nur wundern, warum mit Nachdruck eine berechtigte Anpassung der Sozialversicherungsleistungen an, die heutigen Verhältnisse verlangt und durchgesetzt wurden, bei den Krankenkassen aber die praktisch sogar verminderten Leistungen stillschweigend hingenommen werden.

Für die pharmazeutische Industrie ergibt sich die Aufgabe, bei verminderten Umsätzen (wozu der Ausfall der Ostzone erschwerend hinzukommt) und bei fehlenden Reserven sowohl das bisherige Niveau zu halten als auch weitere Entwicklungsarbeit zu leisten. Mit der Wiedergewinnung oder Erhaltung der früheren Höhe allein ist es ja nicht getan. Die wissenschaftliche Entwicklung schreitet überall in der Welt weiter, und gerade für uns kommt es darauf an, nicht nur das Gleiche, sondern Besseres zu schaffen. Grundlage und Voraussetzung dafür aber ist die angewandte Wissenschaft. Unser Kapital ist, leben der Arbeitskraft, die große Erfindungsgabe inseres Volkes. Seine bisherige praktische Ausnutzung beruht in erster Linie auf dem allgemeinen hohen Bildungsstand des Gesamtvolkes. Dieser wiederum hängt von den Leistungen der Schulen und Hochschulen ab. Nur auf dieser kostspieligen Basis vermag die deutsche Wissenschaft ein leistungsfähiges Gebäude zu errichten. Allgemein wird ein in den letzten 15 Jahren stark abgesunkener Bildungsstand festgestellt. Außerordentliche Mittel und zusätzliche Zeit müssen daher von jedem noch so kleinen Unternehmen aufgewandt werden, um diese Bildungslücke unseres Nachwuchses zu schließen. Es würden große Mittel gespart werden können, – wenn den Schulen und Hochschulen die dringend erforderlichen Summen großzügiger zugemessen würden. Jede leitende Stelle in Staat und Wirtschaft betont, wie sehr ihr diese Tatsache am Herzen läge und welche Sympathie sie der Pflege der Wissenschaft entgegenbringe. Aber wie bei fast allen Werten, die nicht sofort als greifbares Guthaben in irgendeinem Bankkonto oder Steuersäckel erscheinen, bleiben solche Bekenntnisse leider häufig nur dekorative Redensarten. R. E. L.