Galten die beiden Kugeln, die den Schah von Iran töten sollten, der jedoch nur leicht verletzten, ihm als Symbol der "schimpflichen Vasallität gegenüber den imperialistischen Mächten und liebedienerischen Reaktion", wie Moskau und seine Anhänger das persische Regime bezeichnen – oder sollten die Schüsse in der Person des jungen Schah Mohammed Pahlewi die Reformen auf politischem und sozialem Gebiet treffen, die in Iran unvermeidlich geworden sind und denen der Herrscher aufgeschlossen gegenübersteht, Reformen, die traditionelle Privilegien beseitigen, aber auch der linksextremistischen Propaganda den Wind aus den Segeln nehmen würden?

Denn für oder gegen die schon überfälligen Reformen – das ist der wirkliche Zwiespalt, der durch das Kaiserreich des Mittleren Ostens geht. Die Ende 1948 gebildete Regierung Saed konnte ebenso wie ihre kurzlebige Vorgängerin unter Hadschir nur eine ganz knappe parlamentarische Basis erhalten. Iran vegetiert nur noch unter der Last krasser sozialer Ungleichheit, veralteter Privilegien und Mißbrauche. Die Tudeh-Partei, die trotz des zeitweiligen Verbotes während der russischen Besetzung Aserbaidschans heute eine der stärksten Parteien Irans ist, schlachtet jeden Fehler der Regierung weidlich aus und führt alles Elend auf die angloamerikanische Einmischung zurück. Dabei verbirgt sie keineswegs ihre Ziele: rigorose Reformen, vor allem gegen den Großgrundbesitz unter enger Anlehnung an die Sowjetunion. Sie ist zwar in ihrem Programm nicht kommunistisch – bis auf einige Angehörige nationaler Minderheiten und der "Intelligentsia" gibt es in Iran kaum Kommunisten – aber ein williger Partner der vom Kreml geforderten Politik der "guten Nachbarschaft".

Auf der anderen Seite stehen die mächtigen Großgrundbesitzer, die Scheichs der großen Stämme, stehen alte Generäle, die dem neuen Generalstab unter General Razmara gram sind, und Politiker der alten Schule, die alle "nicht daran denken, auch nur einen Zipfel ihrer Vorrechte aufzugeben. Ministerpräsident Saed stammt aus ihren Reihen.

Zwischen beiden besteht eine Gruppe von Fachleuten, jungen Offizieren und, Wirtschaftlern, die Reformen ohne Revolution erstreben und sich dabei mit ihrem Schah einig wissen.

Wer also dang den Mörder und warum? Innenminister Akbal erklärte eine Stunde nach dem Attentat, der Mörder sei Anhänger der Tudeh-Partei, die mit sofortiger Wirkung verboten wurde. Vierzehn ihrer Führer sind bereits verhaftet worden. Der Mörder war zu der Zeit allerdings schon längst von der wütenden Volksmenge gelyncht, zerrissen, zertrampelt worden – er kann keine Aussagen mehr machen ...

Das Attentat aber wird nicht nur im Innern Persiens Staub aufwirbeln. Zu stark sind die Großmächte in das persische Spiel verstrickt, – als daß nicht jeder Schuß ein dröhnendes Echo außerhalb finden müßte. Die USA suchen ihren Einfluß, der durch ihre Militär- und Finanzmissionen schon sehr groß ist, auszudehnen, einen für amerikanische Waren aufnahmefähigen Markt zu schaffen und die Vorherrschaft der britischen AIOC auf den Ölfeldern zu brechen. London setzt dagegen alle seine Freundschaften und Beziehungen ein, am seinen Platz zu behaupten. Der Kreml sieht diesen Spannungen mit Vergnügen zu und wartet, nicht untätig, auf seine Stunde.

Vielleicht bringen die Schüsse von Teheran eine Klärung der Lage im Iran. Es könnte sonst leicht geschehen, daß das Geschick Chinas sich an diesem tüchtigen Volk wiederholt.

Peter H. Schulze.