Der Vater war 1919 bis 1920 Oberbefehlshaber der-britischen Besatzungstruppen am Rhein. Der Sohn ist seit dem 1. November 1947 Militärgouverneur der britischen Zone. Der Enkel wird also, wie ein Spötter meinte, einmal Chancen haben, Vizekönig von ganz Deutschland zu werden. General Sir Brian Hubert Robertson, Baronet, K.C.V.O., C.B., C.B.E., D.S.O., M.C. und Kommandeur des britischen Ordens von St. Michael und St. Georg aber ist entschieden anderer Meinung: "Wir sind hier um ein Reich zu bauen", erklärte er im Lancasterhouse in Berlin vor Mitgliedern der britischen Kontrollkommission, "doch nicht in dem Sinne, wie es uns böswillige Kritik unterstellen will. Das Reich, das wir aufbauen wollen, ist das Reich wahrer Demokratie, das Reich des Friedens und der Anständigkeit." Und in der Tat: zumindest vom Standpunkt der Besatzungsmacht aus gibt es für diese Aufgabe kaum einen geeigneteren Mann als den 52jährigen hageren Schotten, der dank seiner Erziehung und seines logisch arbeitenden Geistes in sich die Qualitäten eines Soldaten, Wirtschafts-kapitäns und Diplomaten vereinigt.

Sir – Brian war als Sohn des ersten Soldaten der britischen Armee, der aus dem Mannschaftsstand in den Rang eines Feldmarschall aufstieg – Sir William Robertson –, von Geburt an die militärische Laufbahn vorgezeichnet. Ausbildung in Sandhurst, Feuertaufe auf den Schlachtfeldern Europas im ersten Weltkrieg, selbständige Operationen im Waziristan-Feldzug 1922/23 an der North-West-Frontier und erste Schritte auf dem diplomatischen Parkett als Mitglied der britischen Delegation bei den Abrüstungsverhandlungen in Genf: das waren die Stationen seiner Karriere, als er 1933 als Major den Abschied nahm. Der Vater war in diesem Jahr gestorben; die kleine Friedensarmee versprach nur noch geringe Aufstiegsmöglichkeiten. Mit der ihn auszeichnenden Selbständigkeit des Denkens und seiner Vorliebe für schnelle Entschlüsse zog Sir Brian über Nacht die Soldatenstiefel aus und lief fortan als stellvertretender Bevollmächtigter der Dunlop-Rubber-Company in Südafrika auf Gummisohlen. Er hatte nicht nur geschäftliches Talent, sondern auch Erfolge. Nach einem Jahr war der Generalbevollmächtigter. Doch als der zweite Weltkrieg ausbrach, sollte er erneut Direktorenklubsessel und Feldbett miteinander vertauschen. Unter Cunningham, Montgomery und Alexander zog er mit den "Wüstenratten" der berühmt gewordenen 8. Armee über den Sand Nordafrikas, die staubigen Landstraßen Siziliens und Italiens, und nahm schließlich als Stellvertreter Montgomerys im Alliierten Kontrollrat in den Ruinen Berlins Platz. Kein Zweifel, daß er trotz mancher Kontroverse mit seinen militärischen Vorgesetzten und der Regierung in London von Anfang an die politischen Fäden in Händen weit, "Geschäftsführer" der britischen Zone war. "Der mächtigste Mann der britischen Kontrollkommission", nannte ihn schon 1946 ein Londoner Blatt.

Damals erschien der Hausherr der Villa in der stillen Höhmannstraße, Berlin W., mit den durchdringenden blauen Augen unter buschigen Brauen, dem dünnen; rotblonden Haar und dem kurzgehaltenen Schnurrbart den wenigen, die von seinen einflußreichen Positionen wußten, als Typ des Kolonialoffiziers. Inzwischen gewann nicht nur sein gebräuntes Antlitz die farblose, vom großen Arbeitspensum noch vertiefte Blässe zurück, sondern der General, der an vorderster Stelle Deutschland besiegen half, hat bewiesen, daß er mit der Vorliebe des Nachschubspezialisten für das Detail auch den weiten Blick des Wirtschaftlers verbinden kann. Er hat Deutsch gelernt und läßt mit sich reden, wenngleich, sowohl von deutscher als von alliierter Seite selten mit sich handeln. In seinem Stabe herrscht oft eine beklemmende Atmosphäre. Er verlangt von seinen Mitarbeitern ebensoviel wie von sich selbst. Taugenichtse hat der Oberbefehlshaber in der Feldbluse, über dessen verschlossenes, Distanz schaffendes Gesicht nur selten ein Lächeln huscht, längst daraus entfernt. Einen "menschenfressenden Tiger" taufte ihn der Observer. Leute, die Sir Brian gut kennen, sagen, er sei frei von jeder Eitelkeit. Aber nicht ohne Ehrgeiz. C. J.