P. T., Shanghai im Februar

Ein Gespenst steht vor den Toren der Stadt: die Panik. Jede neue Nachricht vom Kriegsschauplatz im Norden durchfliegt wie ein nervöses Zucken die "Bastard-Metropole" Shanghai. Im Whangpoo-Hafen liegen ausländische Kriegseinheiten, auf den Stufen der ausgestorbenen Bankpaläste halbverhungerte Flüchtlingskinder. Der Gold-Jüan stürzt ins Bodenlose. Plünderungen sind an der Tagesordnung. Und in das Krachen der Exekutionssalven, unter denen Deserteure der National-Armee in die Knie brechen, mischen sich verzerrt und abgehackt Jazzrhythmen aus den überfüllten Bars. Shanghai steht heute unter Kriegsrecht. Shanghai hungert, mordet, friert, betrügt. Shanghai tanzt auf dem Vulkan. Der "Edelstein unter den Städten Chinas" hat seinen Glanz verloren.

Als ich vom Lunghua-Flugplatz her die schmale, entsetzlich staubige Straße entlangfahre, die versucht, sich zwischen stinkenden Misthaufen hindurch zur Stadt zu schlängeln, begegnet mir nur ab und zu ein Packard oder Buick, der in rasender Fahrt über die vielen buckligen kleinen Holzbrücken des Weges setzt, so daß die Köpfe seiner Insassen gegen die Wagendecken fliegen und selbst das festgezurrte Gepäck auf und nieder springt. Das sind die Nachzügler der großen Massenflucht. Die Reichen sind fort; was jetzt noch in den Häusern ist, gedenkt zu bleiben oder weiß eine "todsichere" Möglichkeit, der fünftgrößten Stadt der Welt im letzten Moment den Rücken zu kehren. – Die modernen Bauten des Flughafens bleiben zurück, die in groteskem Gegensatz zu ihnen stehende weiche Silhouette der Lunghua-Pagode, durch die Strahlen der untergehenden Sonne verklärt, beherrscht das Bild. Noch ein paar Minuten schneller Fahrt: Shanghai taucht auf...

Nach acht Jahren japanischer (Besetzung und fast vier Jahren chinesischer Herrschaft hat die Stadt ihr kosmopolitisches Gesicht verloren. Schon während des Krieges wurden die territorialen Vorrechte der internationalen Siedlung abgeschafft, und bei Kriegsende hat China Shanghai mit all seinem trüben Glanz, seinem Lärm und seinen Sünden inhaliert. Seither haben die Tausende von westlichen Einwohnern in der rein chinesischen Verwaltung keinerlei Rechte mehr. Das "Reich der Mitte" hat auch ohne kommunistische Gefahr die fremde Herrschaft aufgesogen, wie es dies seit jeher mit seinen fremden Eroberern getan; eingeborene Kulis, Straßenmädchen und Bankiers haben die Oberhand gewonnen. Shanghais Ruf eines Ausländerparadieses gehört endgültig der Vergangenheit an und ein europäisches Geschäftsleben gibt es nicht mehr. Die beiden Bronzelöwen vor der einst allmächtigen Hongkong and Shanghai Banking Corporation lauschen verwundert in die Grabesstille, die hinter dem Portal herrscht, das sie ganz unnütz bewachen. – Es scheint, als hätten sich alle Ausländer auf ihre moskitosicheren Zimmer in den fünften, sechsten und siebenten Stockwerken der europäischen Hotels oder in ihre Klubs zurückgezogen.

Trotz der Sperrstunden von 11 bis 5 Uhr nachts, in denen es verboten ist, die Straße zu betreten und in denen alle normalen Lokale geschlossen bleiben müssen, sind die meisten Klubs in Betrieb. Auch der berühmte "Shanghai Club" hält seine Pforten geöffnet. Diese "längste Bar der Welt" hatte es sich während der Besetzung gefallen lassen müssen, daß sie in eine japanische Offiziersmesse verwandelt wurde. Doch das hat ihre Vornehmheit nicht beeinträchtigen können. Der Weinvorrat ist zwar erschöpft, und es besteht wenig Aussicht, die erlesenen Jahrgänge noch einmal hereinzubekommen, aber trotz allem ist die Gesellschaft heute so exklusiv wie je. Im Foyer nickt mir ein langer schlaksiger Amerikaner zu. Er ist Mitglied des US-Konsulats und bestätigt gerade seinen erregten Begleitern zum drittenmal, daß seine Regierung alle amerikanischen Staatsangehörigen, vor allem Frauen und Kinder, aufgefordert habe, die Stadt zu verlassen. An der Bar diskutiert man geheime Friedensverhandlungen, die angeblich in der Stadt geführt werden, und Vorschläge, Shanghai erneut zum internationalen Hafen zu erklären. Genaues weiß niemand. Neben mir trinken zwei Engländer einen doppelten Whisky und sprechen vom Golf. Die Eisstädte im Becher des Mixers klicken leise. Ganz hinten unter dem Ventilator sitzt an einem Tisch ein Mann allein: ein Weißrusse. Neben unzähligen Flüchtlingen aus Hitlers Europa gibt es in der Stadt eine große Kolonie von Weißrussen. Sie alle sind wie vom Fieber geschüttelt. Die meisten haben kein Geld. Viele der Emigranten aus den zwanziger Jahren gaben jetzt ihre Pässe zurück und entledigten sich damit ihrer russischen Staatsbürgerschaft, in der Hoffnung, nicht in das "Vaterland" deportiert zu werden. Ob es ihnen nützt? Der Mann in der Ecke stiert einsam in sein Glas

Draußen aber, vor der eleganten Drehtür des Shanghai Clubs, quirlt kreischend, hupend und quietschend ein unablässiger Strom von Rikschas und Jeeps, einrädrigen Schubkarren, Sechstonnern und monströsen Cadillacs und Lincolns vorbei. Die Gesichter verwahrloster Blondinen, schwarzbärtiger Sikhs, britischer Sektierer und internationaler Gangster tauchen auf dem Bürgersteig mir Sekunden aus dem unübersehbaren, schlitzäugigen Gewimmel auf, und ununterbrochen explodieren – jene Raketen, die nach alter chinesischer Sitte Geburt, Hochzeit und Tod verkünden. "Shanghai ist das Leben selbst", hat einmal Aldous Huxley geschrieben, "man kann sich nichts Intensiveres vorstellen. Sein Anblick ruft Entsetzen hervor." Das Wort war niemals wahrer. Selbst die 100 000 Opiumsüchtigen der Stadt scheinen aus ihrer Lethargie erwacht. Kinos, Theater und vor allem die Tanzlokale sind, wie der Chinese sagt, "zum Wahnsinn gefüllt". Untergangsstimmung und Lebensgier dieser bösen Stadt treiben unvorstellbar giftig – schillernde Blüten. "Hochmut, Verschwendung, Sittenlosigkeit und Faulheit", so begann in diesen Tagen eine Zeitung eine Moralpredigt gegen die Vergnügungssucht, "führen zum Untergang eines Volkes."

Aber nicht nur die Luxusrestaurants mit ihren süßen Ningpoer Gerichten, mit ihrer scharfen Szuchuaner Küche oder der raffinierten Pekinger Tafel sind überfüllt. Auch die kleinen Speisehäuser und Garküchen werden von drängenden Menschenmengen geradezu umlagert. ,,Schi – so – hsing – yä", sagte Kunfuzius vor ein paar tausend Jahren. "Essen und Liebesdurst liegen in der Natur des Menschen." Shanghai tanzt nicht nur. Shanghai hungert. All die vielen nie gezählten Flüchtlinge, die nan min, die armen Leute, die aus allen Teilen des Reiches der Mitte vor der roten Flut flüchtend über die Nanking Road in Shanghai einzogen, haben keine Habe, kein Geld und keine Handvoll Reis. Diese Massen sind ständig auf der Suche nach Essen. Doch nur der Verschlagenste und Kräftigste, "mit klaren Augen und schnellen Händen", kann hoffen, sich dann und wann einmal einer Mahlzeit oder einiger Essensreste zu bemächtigen. An den Türen der Restaurants kleben rote Zettel, die vier unerbittliche Zeichen tragen: Wu, – jou – um – fan! Kein Fleisch, kein Reis ...