Übereifrige Schriftsteller sprechen unser Jahrhundert bereits als das Zeitalter der Kunststoffe an. Wenn sie damit ausdrücken wollen, daß Kunststoffe als jüngste Kinder der wollen, nicht Ersatzstoffe, sondern neue, bisher unbekannte Werkstoffe mit unendlichen Möglichkeiten sind, sei ihnen ihre Voreiligkeit verziehen. Diese Begeisterung für ein Neuland der Technik ist wohl zu verstehen: Überall im täglichen Leben begegnen uns Kunststoffe. Wer denkt allerdings bei der Morgentoilette daran, daß die Zahnbürste, der Kamm, der Rasierapparat, der Verschluß der Zahnpastatube aus Kunststoffen hergestellt sind, daß kein elektrischer Strom hergeschaltet werden kann, wenn nicht der Kunststoff dem Schalter isolierende Eigenschaften verleihen würde, daß Telephon und Telegraph nicht funktionieren ohne die unsichtbare Hilfestellung der Kunststoffe? Und welche Frau ist sich beim Anziehen der begehrten Nylonstrümpfe darüber klar daß diese reine Kunststoffe sind?

Die Kunststofftechnik steckt trotz ihrer "synthetischen Wunder" noch in den Kinderschuhen. Ein gutes Jahrzehnt ist sie gerade alt, wenn man von ihrer ersten embryonalen Entwicklung abgeht. Die Kunststoffchemie will aber nicht als das "Wunderkind der Chemie" angesehen werden, da ihre Erfolge ja eben nur Früchte ernster wissenschaftlicher Arbeit sind. Und in der Technik kennt man ja keine Wunder – außerdem haben Wunderkinder selten die Hoffnungen ereilt, die man in sie gesetzt hat!

Es ist vielfach behauptet worden, daß die erstaunliche Entwicklung der deutschen Kunststofftechnik maßgeblich vom "Rummel des Vierjahresplanes" und der Forderung, nach einer autarken Wirtschaft beeinflußt worden sei. Allein, so sagt man, die sich aus der Aufrüstung ergebende zwingende Notwendigkeit zur Einsparung verknappter und "devisenzehrender" Rohstoffe (wie Metalle, Eisen, Stahl, Leder, Kautschuk, Textilien und vieler anderer) und ihr Ersatz durch Kunststoffe sei für das Sprunghafte Ansteigen der deutschen Kunststoffproduktion von einigen 10 000 t 1936 auf beinahe 200 000 t 1943 entscheidend gewesen. Aber die oft zwangsweise auf staatliche Anordnung hin erfolgte Einschleusung der neuen Werkstoffe hat der "Kunststoffidee" ganz, im Gegenteil mehr geschadet als genützt. Der alles lenkende Staat hat auch hier aus der Not eine Tugend machen wollen. So sind oft genug in Deutschland insbesondere während des Krieges Kunststoffe nicht "Werkstoffgerecht" und lediglich zum Schließen einer Rohstofflücke – gegen alle technischen Erkenntnisse – eingesetzt worden. Dadurch wurden beim breiten Publikum Begriffe wie "Werkstoffe" und "Kunststoffe" nicht selten in Mißkredit gebracht, und in keinem Land der Erde, das eine entwickelte Kunststoffindustrie besitzt, werden daher die Kunststoffe so oft als "Ersatzstoffe" angesehen wie in Deutschland.

Dagegen beweist ein Blick auf den größten Kunststoffproduzenten der Welt, die USA, daß technische Entwicklungen durch vernünftige staatliche Maßnahmen gefördert, aber keinesfalls entscheidend beeinflußt werden können. Amerika kann, was die Entwicklung der Kunststoffe anbelangt, mit Zahlen ganz anderer Größenordnungen aufwarten. Dieses Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat während des zweiten – Weltkrieges, gemessen an deutschen Verhältnissen, über ausreichende Mengen an Rohstoffen aller Art verfügt. Wenn in den USA trotzdem Kunststoffe auf vielen Gebieten die bisherigen Roh- und Werkstoffe verdrängt haben, so allein wegen der qualitativen Überlegenheit der Kunststoffe

Die Kunststofftechnik und -chemie ist nicht so vermessen, anzunehmen, daß es ihr gelingen wird, auf allen Gebieten die früher verwendeten Werkstoffe samt und sonders zu verdrängen. Die eisenschaffende Industrie und die Lederindustrie können also ganz beruhigt sein! Man braucht – aber kein Prophet zu sein, um schon heute sagen zu können, daß wir von den Kunststoffen noch manche angenehme Überraschung erleben werden. Die Kunststoffindustrie der ganzen Welt ist sich ihrer Aufgabe bewußt, immer neue und bessere Werkstoffe zu schaffen, die auch verarbeitungsseitig durch spanlose Verformung (Pressen, Spritzen usw.) Vorteile gegenüber bisherigen Verarbeitungsverfahren bringen werden. Der Techniker weiß, daß der Kunststoff sich ganz neue technische Gesetze geschaffen hat, und daß die gesammelten Arbeitsmethoden und Erkenntnisse bei den übrigen Werkstoffen nicht ohne weiteres auf Kunststoffe zu übertragen sind.

Die Wiegen vieler moderner Kunststoffe –, oder besser gesagt, die Retorten, Reagenzgläser und Glaskolben, in denen zuerst Kunststoffe im haben in Deutschland gestanden. Kriegseinwirkungen, Zonenteilung und nicht zuletzt erhebliche Demontagen in allen vier Besatzungszonen haben Kunststoffproduktion und damit auch Kunststofforschung um Jahre in ihrer Entwicklung zurückgeworfen. Bei einzelnen Kunststoffen sind nur noch Bruchteile früherer Kapazitäten vorhanden. Wichtige Vorprodukte stehen entweder gar nicht oder nur in sehr beschränktem Umfang zur Verfügung. Zum Teil ist die Kunststoffindustrie in ihrer Rohstoffgrundlage vom Ausland abhängig geworden. Es fehlt an Phenol für härtbare Kunststoffe, wie Kunstharze und Preßmassen (Bakelite usw.), es fehlt am gleichen Rohstoff für die deutsche Schwester der Nylonfaser, die Perlonfaser, es fehlt an Labcasein für einen der ältesten Kunststoffe, das Kunsthorn (Galalith usw.), es fehlt an hochwertigen Weichmachern für Polyvinylchlorid, kurz, die Engpasse sind zahlreich und können nur durch verstärkte Einfuhren sowie durch Schaffung neuer Produktionsstätten für Kunststoffrohstoffé und den Ausbau bestehender überwunden werden. Hinzu kommt, daß die von den Besatzungsmächten festgesetzte Erzeugungskapazität der modernen wirtschaftlichen und industriellen Bedeutung der Kunststoffe nicht gerecht wird.