Die westdeutsche Landwirtschaft braucht für die Vorbereitung der Ernte des laufenden Jahres- soviel Stickstoff, daß Einfuhren aus dem Ausland notwendig sind. Stickstoffhaltige Düngemittel rangieren deshalb im Einfuhrplan der Doppelzone unter den lebensnotwendigen Gütern. Dabei leiden die Stickstoff erzeugenden Werke der Westzonen unter Absatzschwierigkeiten. In der Doppelzone hatten sie sich im Herbst so verschärft, daß man zu Betriebseinschränkungen übergehen mußte.

Einer zeitweiligen Überproduktion an stickstoffhaltigen Düngemitteln steht also ein Gesamtbedarf der westdeutschen Landwirtschaft gegenüber, der im kommenden Frühjahr aus der Produktion der westdeutschen Stickstoff Industrie nicht gedeckt werden kann. Wie erklären sich diese Widersprüche?

Das Überangebot an stickstoffhaltigen Düngemitteln ist lediglich zeitbedingt. Die durch Geldmangel nach der Währungsreform ausgelösten vorsichtigen Dispositionen der westdeutschen Landwirtschaft ließen ein Angebot an stickstoffhaltigen Düngemitteln entstehen, das die Nachfrage weit übertraf. In jüngster Zeit milderten sich zwar die Absatzschwierigkeiten. Vor allem In der Doppelzone blieben jedoch Abrufe weit hinter den Erzeugungsmöglichkeiten der westdeutschen Werke zurück. Ermahnungen, bereits jetzt zu bestellen, fanden nur teilweise Beachtung; Im Streben, flüssige Mittel in erster Linie im Ankauf von landwirtschaftlichen Maschinen und in Vieh anzulegen, ließen sich viele Landwirte auch durch den Hinweis nicht schrecken, daß im kommenden Frühjahr stickstoffhaltige Düngemittel in ausreichenden Mengen aus der einheimischen Erzeugung nicht zur Verfügung stehen werden. Die Stickstoffindustrie, so meinen sie, sollte ihre Kapazitäten bereits heute voll, ausnutzen und auf Lager arbeiten.

Solche Ansichten gehen von falschen Voraussetzungen aus. Der Luftkrieg hat neben den Erzeugungskapazitäten der westdeutschen Stickstofferzeuger auch die Lagerungsmöglichkeiten getroffen. Auch Handel und Genossenschaften sehen sich zu einer Lagerhaltung in dem notwendigen Umfang nicht in der Lage. Die Drosselung der Produktion war deshalb die zwangsläufige Folge der Zurückhaltung der Landwirtschaft. Dieser Produktionsausfall kann auch nicht durch plötzliche Ausweitung der Erzeugung in der kommenden Zeit ausgeglichen werden. Der Bedarf der westdeutschen Landwirtschaft, den man für alle drei Zonen mit jährlich rund 350 000 t Stickstoff annehmen kann, wird deshalb im Frühjahr zwangsläufig zu einem Teil durch ausländische Einfuhren gedeckt werden.

Auch bei rechtzeitiger Disposition der Landwirte hätte eine Einfuhr allerdings nicht völlig vermieden werden können. Zur Zeit bleiben die Erzeugungsmöglichkeiten der Westdeutschen Stickstofwerke noch immer hinter dem Bedarf zurück Um so notwendiger ist es, dreierlei zu tun: Zurächst wird man für verbesserte Lagermöglichkeiten sorgen müssen. Die Landwirtschaft wir! sich weiterhin im laufenden Jahr darauf einstellen müssen, rechtzeitiger und gleichmäßiger zu disponieren. Die Lücke aber, die zwischen dem wachsenden Bedarf und den Erzeugungsmöglichkeiten klafft, wird die Industrie durch Wiederaufbau der Erzeugungsanlagen auszufüllen haben.

In erster Linie dürfte das Werk Oppau der Badischen Anilin- und Sodafabrik dazu beitragen, einen Bedarf zu decken, der in den nächster Jahren auf schätzungsweise 460 000 t Stickstoff jährlich anwachsen wird. Bereits in der Vorkriegszeit hatte das Werk Oppau einen überragenden Anteil an der Belieferung der Doppelzonen. Lediglich die Zonengrenzen und die zonenmäßige Steuerung der Stickstoffwirtschaft erschwerten bisher einen vollen Einsatz des Werkes bei der Belieferung der Landwirtschaft. Bereits heute kann aber Oppau angesichts der im Veihältnis zur Doppelzone bescheidenen Anforderungen der Landwirtschaft der französischen Zone in einem Umfang von nur 50 000 t jährlich, beachtliche Produktionsüberschüsse an die Doppelzone abgeben. Sie werden sich in den nächsten Jahren fühlbar steigern. F. P. Cl.