Ein Häftling des Konzentrationslagers Dachau, Walter Neff, hatte in den Jahren 1942 bis 1944 als Sanitätspfleger und Gehilfe der Sanitätsstation des Lagers zu fungieren. In dieser Station führte der Luftwaffenarzt Dr. Rascher seine berüchtigten Höhenexperimente aus, die meist den Tod der Versuchsobjekte zur Folge hatten. Zu den Aufgaben Neffs gehörte es, jenem wissenschaftlichen Henker nach einer Liste der Lagerleitung die zum Experiment verurteilten Personen zuzuführen. Dies war eine befohlene Dienstleistung, die der Häftling Neff nicht verweigern konnte. Er tat jedoch in mehreren Fällen das Mögliche, um die Versuche zu sabotieren und es gelang ihm so, vielen Häftlingen das Leben zu retten. Jetzt wurde er in München vor Gericht gestellt, weil er "seine einflußreiche Stellung im Lager ausgenutzt habe, um bei der befohlenen Auswahl für tödliche Experimente kriminelle Verbrecher statt der gewählten politischen Häftlinge einzutauschen". Er wurde von dem Landgericht II wegen Beihilfe zur Körperverletzung zu einem Monat Gefängnis verurteilt.

Ehemalige KZ-Kameraden haben Neff als vorbildlich hilfsbereiten Menschen bezeichnet und bestätigt, daß viele im Lager ihm die Erhaltung ihres Lebens verdanken. Es wurde auch erwiesen, daß die gegen die verlangten "Politischen" von ihm eingetauschten "Kriminellen" üble Subjekte und gefährliche Denunzianten waren, die ihrerseits manchen Lagerkameraden auf dem Gewissen hatten.

Welchen Sinn soll es haben, Handlungen, die unter den außergewöhnlichsten, unter gesetzlosen Umständen, unter schwersten Gewissenskonflikten begangen wurden und die zweifellos erreichten, daß ein großes Übel durch ein verhältnismäßig kleineres, ein absolutes Unrecht durch ein relatives ersetzt wurde, nachträglich mit der Elle eines für normale Lebensverhätnisse erdachten Gesetzes zu messen?

Wer will sich überhaupt vermessen, nach so vielen. Jahren die seelischen Labyrinthe zu durchleuchten, in denen Gedanken und Handlungen solcher in die Enge getriebenen Menschen geboren wurden? Soweit hier noch klar gesichtet werden kann, müßte lediglich zwischen gut und böse im allgemeinsten Sinne unterschieden werden und dürften nicht Paragraphen eines Gesetzes, das mit solchen Voraussetzungen niemals rechnete, entscheiden, sondern einzig der persönliche moralische Befund. So aber wird Unrecht auf Unrecht gehäuft, wird der Glaube an den "Sieg des Guten" endgültig ertötet und Nihilismus gesät.

Man mache endlich Schluß mit derartigen, unmöglichen Verfahren. A-th