Wenn der Verbrauch an Seife und Waschmittelnein Gradmesser für die Zivilisation einer Nation ist, dann stand bis 1939 das Deutsche Reich "zivilisatorisch" hinter Amerika und England an dritter Stelle in der Welt. Denn der Amerikaner verbrauchte, in Form von Seife und Waschmitteln, monatlich 450 g Fettsäure, der Engländer 375 g und der Deutsche 330 g. Bei der immer noch unbefriedigenden Fettlage am Weltmarkt entfallen zur Zeit auch England monatlich nur rund 200 g Fettsäure auf den Kopf der Bevölkerung. Das sind aber immer noch mehr als 50 v. H. der Vorkriegszeit. Dagegen ergeben einwandfreie statistische Unterlagen für Westdeutschland eine monatliche Kopfquote von 29 g Fettsäure, das sind nur 9 v. H. des Vorkriegsstandes! Die Versorgung der Bevölkerung der Westzonen mit Seife und Waschmitteln für die Reinigung des Körpers und der Wäsche ist also noch völlig ungenügend. Und wenn diese Tatsache auch nach der Währungsreform durch den Schmuggel von teurer ausländischer Fertigseife über die grüne Grenze, insbesondere die französische Zonengrenze, etwas verdeckt erscheint, so kann auch dies nichts an der Schlußfolgerung ändern, daß die "Jedermann-Versorgung" mit Seife und guten Waschmitteln noch höchst unzulänglich ist.

Die Produktion in Waschmitteln scheint zwar zur Zeit mengenmäßig den Bedarf der westdeutschen Bevölkerung einigermaßen zu decken. Aber in ihrer Qualität müssen die Waschmittel fast ausnahmslos weit hinter ihrem Friedensstand zurückbleiben, weil die importierten technischen Fette für die Herstellung von Seifen reserviert werden müssen, und nur synthetische waschaktive Substanzen aus der inländischen Kohleveredlung für die Waschmittel zur Verfügung stehen. Diese Substanzen, deren Primärprodukte im wesentlichen in den Fischer-Tropsch-Werken in Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel gewonnen werden, ergeben aber nur dann wirklich gute Waschmittel, wenn sie in ausreichenden Mengen eingesetzt werden können. Dafür ist aber der Anfall aus den beiden Werken zu gering. Die Lage könnte mit einem Schlag verbessert werden, wenn die Militärregierungen das seit Jahren nachgesuchte Permit für die Einschaltung des dritten Werkes, Bergkamen, geben würden.

Bis dahin müssen die westdeutschen Waschmittelfabriken trotz aller Bemühungen, ein Optimum an Qualität zu erreichen, zwangsläufig hinter dem friedensmäßigen Waschmittel-Standard zurückbleiben. Immerhin konnte einstweilen im Hinblick auf die mengenmäßige Deckung des Waschmittelbedarfs die Bewirtschaftung von Waschmitteln aufgehoben werden, eine Maßnahme, von der wir auf dem Seitengebiet noch weit entfernt sind.

Die westdeutsche Seifenindustrie ist also rohstoffmäßig im wesentlichen auf den Import von Fettsäuren angewiesen. Das entscheidende Wort über Menge und Art der Importe spricht die JEIA. Es muß anerkannt werden, daß die Fettabschlüsse in letzter Zeit eine bessere Seifenversorgung erwarten lassen. Leider ist aber der gesamte Fettsäurenimport mit soviel Risiken belastet, daß zu einem besonderen Optimismus keine Veranlassung besteht. Immerhin ist Tatsache, daß durch den verstärkten Import von Ölen und Ölsaaten der Seifenindustrie mehr Raffinationssäuren als bisher zugeführt werden können, so daß mengen- und qualitätsmäßig die Seifenversorgung im neuen Jahre fühlbar verbessert werden konnte, wie sich das nun auch in der jetzt gültigen Seifenkarte widerspiegelt. Danach verfügt jeder Normalverbraucher monatlich über zwei Seifenpunkte, wobei ein Seifenpunkt einer Festseifensubstanz mit zehn Gramm Fettsäure entspricht. Praktisch gesprochen, hat der Normalverbraucher monatlich Anspruch auf zwei Stück Einheitsschwimmseife (je 16,5 Gramm Stückgewicht, 60 v. H. Fettsäuregehalt) oder ein Stück Kernseife (33 Gramm Stückgewicht, 60 v.H. Fettsäuregehalt) oder ein Stück Feinseife (25 Gramm Stückgewicht, 80 v. H. Fettsäuregehalt). Er steht also nicht mehr zu der mit Recht so unbeliebten kriegsmäßigen Schwimmseife in einem unausweichlichen "Kontrahierungszwang", sondern er kann auch ein (kleines) Stück Kern- oder Feinseife wählen – Seifensorten, die bisher nur für besondere Arbeitergruppen und für Kleinkinder reserviert waren.

Die Seifenindustrie wird darüber wachen, daß die besseren Festseifen, also die Kern- und Feinseifen, höchstens zu dem amtlich vorgeschriebenen Preis an den Verbraucher kommen. Deshalb hat sie von der VfW für ihre Mitglieder eine verbindliche Anordnung erbeten, wonach in alle Festseifenstücke die Seifenpunktzahl und der Verbraucherhöchstpreis eingestanzt sind, damit nicht auch die neuen Festseifenstücke zum Objekt gewissenloser Preistreibereien werden können, sondern einer ständigen Kontrolle des kaufenden Publikums unterstellt sind.

Angesichts der unzulänglichen Versorgungsmöglichkeiten wird gelegentlich der Import von Fertigseifen angeregt. Das wäre nun freilich die falsche Lösung. In den ausländischen Fertigseifen müssen die gesamten Fertigungskosten, insbesondere die Löhne, mit kostbaren Exportdevisen bezahlt werden, während die deutschen Seifenfabriken, wenn für dieselben Devisenbeträge Fettsäuren eingeführt werden, aus diesen etwa die doppelte Menge Seife von mindestens gleichguter Qualität herstellen können.

Was die deutsche Seifenindustrie in dieser Beziehung leisten kann, hat sie vor dem Krieg mit den Markenseifen bekannter Fabriken gezeigt. Diese waren von so vorzüglicher Qualität, daß sie auch im Export auf dem internationalen Markt konkurrieren konnten. H–z.