Wir berichteten in der vorigen Nummer über die wahren Gründe, die Hitler veranlaßten, seinen ersten Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, von seinem Posten zu entfernen, und veröffentlichten aus dem Buch des Grafen Kielmannsegg: "Der Fritsch-Prozeß 1938" die Darstellung der Verleumdungsaktion, mit der Hitler dem Heere gegenüber seine Maßnahmen zu decken versuchte. Die Voruntersuchung ergab nach mühevollen Recherchen des Verteidigers, Grafen von der Goltz, den einwandfreien Beweis für die Haltlosigkeit der auf homosexuelle Vergehen lautenden Anklage, der, wie sich herausstellte, eine Namens Verwechslung (es handelte sich in Wirklichkeit um einen Rittmeister von Frisch) zugrunde lag.

Dennoch bestand Hitler weiter auf Durchführung der Hauptverhandlung, indem er zur Bedingung des Freispruchs den ausdrücklichen Widerruf des einzigen Belastungszeugen – eines Zuchthäuslers namens Schmidt – machte. – Wir setzen in folgendem den Bericht aus dem genannten Buche abschließend fort.

Als Tag der Hauptverhandlung wird der 10. März bestimmt. Der Verlust der Verhandlungsprotokolle erlaubt nicht, eine ins einzelne gehende Schilderung zu geben. Das ist aber auch nicht notwendig. Die aus den sonstigen Unterlagen rekonstruierbaren Hauptpunkte des Ablaufs der Verhandlung reichen vollkommen aus, ein klares Bild dieses historischen Prozesses zu geben, insbesondere, da sich das Ergebnis der Hauptverhandlung mit dem der Voruntersuchung bis auf eine allerdings entscheidende Tatsache deckt.

Als Schauplatz ist ein Saal des "Preußenhauses", des ehemaligen preußischen Herrenhauses, gewählt. Man kann über diese Institution denken wie man will, Stätte einer gleichzeitig so schmutzigen wie hochpolitischen Angelegenheit ist ihr Sitz bestimmt bisher nicht gewesen. Die Zeugen und einige Sachverständige sind zugegen, die Zahl der geladenen Zuhörer ist nicht allzu groß, unter ihnen der Reichsjustizminister Dr. Gärtner. Presse und Öffentlichkeit sind natürlich nicht vertreten.

Der Generaloberst betritt in voller Uniform, begleitet von seinem Verteidiger, den Saal und setzt sich auf den für ihn vorgesehenen Platz. Sein Gesicht verrät nichts von dem, was in ihm vorgeht. Dann kommt das Gericht, Fritsch bleibt ostentativ sitzen. Göring grüßt mit dem Feldmarschallstab, Er ist im Zuge der "nationalen Konzentration" zwar Nachfolger von Blomberg in dessen militärischem Dienstgrad – und damit rangältester Offizier der Wehrmacht – geworden, aber nicht im Amt des Reichskriegsministers. Diesen Ehrgeiz hat er auf immer begraben müssen, denn Hitler hat sich zu seinem eigenen Kriegsminister gemacht. Die Abschaffung dieser Stelle ist nur folgerichtig. Einen parlamentarischen Minister, und das mir dem Sinne nach für dieses Amt, braucht Hitler nicht, und den Oberbefehl gedenkt er selbst auszuüben.

Hinter Göring folgen Raeder mit freundlich nichtssagendem Ausdruck, Brauchitsch mit etwas verkniffener Miene, die beiden Senatspräsidenten des Reichskriegsgerichts Dr. Sellmer und Dr. Lehmann. Die Anklage vertritt der bisherige Untersuchungsführer Dr. Biron, das Protokoll führt auch hier Reichskriegsgerichtsrat Dr. Sack. Den Vorsitz hat formell Dr. Sellmer, faktisch übt ihn Göring aus.

Fritsch, wie üblich zu Beginn gefragt, ob er sich schuldig bekenne, bestreitet selbstverständlich die Beschuldigungen in jeder Hinsicht. Der einzige Belastungszeuge, Schmidt, gibt die gleiche genaue und detaillierte Schilderung des Vorfalles wie bisher und wiederholt zum drittenmal – erst bei der Konfrontation in der Reichskanzlei, dann in der Voruntersuchung, nun vor Gericht – seine Anklage: Der Generaloberst von Fritsch, dieser und kein anderer, sei es, um den es sich damals als Partner des Weingartner und als Objekt seiner, der Schmidtschen, Erpressung gehandelt habe.