Der Film "Das verlorene Gesicht", der — mit Marianne Hoppe in der Hauptrolle — die Probleme der Hypnose und der Besessenheit behandelt, itHtrde nach seiner Miinchener UraufAuch diese Fälle einer ungebändigten zweiten Persönlichkeit meinen wir noch nicht. Das Verlangen, anders zu erscheinen als man ist, der Wunsch, eine bestimmte Rolle zu spielen, liegt zu tief in der menschlichen Natur begründet, als daß wir sie unnatürlich fänden. Aber in dieser menschlichen Fähigkeit, sich gänzlich einer bestimmten Rolle anheimzugeben, liegt auch die frühest Wurzel für das Phänomen jenes Persönlichkeitswandels, den wir mit dem Wort "Besessenheit" umschreiben.

Der seltsame PersönKchkeitswandel des Mädchens Luscha, wie ihn der Film "Das verlorene Gesicht" zeigt, ist einem Fall, der sich im Jahre 1921 in Stuttgart ereignete, mit fast photographischer Treue nachgezeichnet. Ein mongolisch aussehendes Mädchen wurde in Stuttgart aufgegriffen; es sprach eine unbekannte Sprache, verstand kein Deutsch, kannte den Gebrauch eines Stuhls oder Wasserhahns nicht. Sie kniete vor einem Buddhabild nieder, beschrieb, nachdem sie etwas Deutsch gelernt hatte, ihre tibetanische Heimat — und erwachte nach dreiviertel Jahren aus ihrem geträumten Ich, wobei sich innerhalb von wenigen Stunden ihre mongolischen Gesichtszüge zu einem normalen alemannischen Gesicht zurückbildeten. Was in dem dreiviertel Jahr mit ihr geschehen war, wußte sie nicht. Sie berichtete, daß sie ein einfaches Dienstmädchen aus Schaffhausen sei, das, in einem Hotel in Ulm beschäftigt, sich nach einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrem Chef vor einem dreiviertel Jahr auf den Weg nach Stuttgart gemacht hatte. Im allgemeinen reichen Differenzen mit dem Chef nicht aus, um aus einer aufgeregten Angestellten eine Mongolin zu machen. Natürlich liegt bei jedem Menschen in einer solchen Situation der Zerknirschung der Wunsch nahe, ganz jemand anders zu sein. Vielleicht erinnerte sich das Dienstmädchen in diesem Augenblick auch (wie sie später selbst angab) an die fremdesten Menschen, die sie je gesehen hatte o— an die Chinesen aus einem Wanderzirkus, die ihr als Kind ein schreckhaftes Erlebnis bereiteten. Vielleicht kann man mit dieser psychoanalytischen Begründung den Fall zu erklären versuchen, wie es Professor Österreich in seinem Buche "Das Mädchen aus der Fremde" nach intensiver Beschäftigung mit der seitsamen Begebenheit getan hat. Aber es bkiben eine Reihe entscheidender Sachverhalte ungeklärt.

Wieso sprach das Mädchen plötzlich fließend eine unbekannte Sprache, wieso wußte sie, daß in einem Raum, in dem sich ein Buddhabild befindet, keine Messer sein dürfen, wieso vermochte sie bestimmte ostasiatische Riten, wie das Ritual der schwimmenden Kerzen, vor den Augen der erstaunten Orientalisten zu demonstrieren? Muß man nicht annehmen, daß sich hier eine fremde Intelligenz dieses Mädchens bemächtigt hat, genau wie im Falle der Therese von Konnersreuth, deren plötzliche aramäische Sprachkenntnisse seinerzeit festgestellt und nie bestritten worden sind? Hier ist kein natürlicher Zusammenhang zwischen der ursprünglichen Persönlichkeit und den Leistungen und Fähigkeiten des "zweiten Ichs" mehr- festzustellen — vielmehr erscheint dieses zweite Ich dem ersten ohne innere Begrün Jmg und ohne kausale Verbindung einfach aufgepfropft:—, die ursprüngliche Persönlichkeit wird zum Gefäß oder zum Sprachrohr oder einfach zum Nährgrund eines zweiten Ichs, das sich manifestieren will.

Dr. Herbert Pritsche kat jüngst in der Zeit" nicht ohne Sarkasmus festgestellt, daß unsere gebräuchlichen" psychologischen Benenoun- gen durchweg den Stempel früherer Irrtümer und lehlschlüsse an sich tragen. Dem Begriff der "Besessenheit" ist es nicht anders gegangen. Die Vissenschaft unterscheidet eine sogenannte "luzid" Besessenheit von der totalen. Die luzide Besessenheit ist nichts anderes als eine Zwangs reurose — der Mensch handelt anders, als er handeln sollte, er handelt sogar, gegen seine eigenen Interessen und ursprünglichen Impulse, er ist sich, der Unrichtigkeit seiner Handlungen bevußt, kann sie aber nicht stoppen. Solche Fälle von Doppel Ich und doppelgleisigem Handeln gehören im strengen Sinne nicht zum Bezirk echter Besessenheit. Nur wenn zwischen den beiden Ichs eine so scharfe Trennung besteht, daß cas eine vom anderen nichts weiß, nur wenn die Existenz und die Art des zweiten Ichs in keiner Veise aus dem ersten Ich erklärt werden kann, können wir den Tatbestand echter Besessenheit ds erfüllt ansehen.

Vielleicht — so könnte man vermuten — hancelt es sich in solchen Fällen um eine telepathische Beeinflussung. Wir kommen ja heute nicht mehr m die Notwendigkeit herum, die Tatsache telepathischer Einflußnahme zuzugeben. Flottierende Gedankenfetzen eines Hirns können in einem anderen Hirn eine Antenne finden, die sie aufnimmt und so verstärkt, daß sie ins Bewußtsein treten. Das ist, besonders bei Menchen ohne gedankliche Disziplin, vermutlich häufiger der Fall, als wir annehmen. Wir wissen auch, daß die indische Yoga ein besonderes System ausgebildet hat, das es einem Menschen nach langem Training, ermöglicht, ein besonders starker "Sender" zu verden. Wir wissen überdies, daß die strenge Observanz, die diese Yoga Übungen erst ermöglicht, heute in Indien nur noch selten geübt wird; um so mehr freilich in Tibet, dem klassischen lande okkulter Fähigkeiten. Wer die nüchternen lerichte der Belgierin Alexandra David Neel, die Imge in tibetanischen Klöstern gelebt hat, und anderer Tibetreisender kennt, wer darüber hinaus enmal Einblick genommen hat in die umfangreiche medizinische Literatur der Tibetaner, weiß, daß manche der dortigen Priester in der Lage sind, starke psychische Spannungen in sich aufzukden. Vielleicht haben wir in dem Stuttgarter Dienstmädchen eine Art Antenne zu sehen, die in einen beiderseits unfreiwilligen Kurzschluß mit enem östlichen "Sender" geraten ist. Damit wäre zugleich die Frage beantwortet, wieso gerade dieses völlig "unbedeutende" Dienstmädchen mit einem solchen Schicksal ausgezeichnet wurde. Ja, wir dürfen noch einen Schritt weitergehen. Wir wissen, daß gerade diejenigen Menschen, die als seelisch besonders labil gelten, am schwersten zu hypnotisieren sind. Eine hysterische Frau, seilte man meinen, wäre für einen Hypnotiseur eine leichte Beute. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade diejenigen Menschen, die von sich gerne behaupten, sie würden jedem Einfluß trotzen, e iiegen der Hpnose wie Hühner. Es geht daraus hervor, daß ein so robuster Eingriff in die Psyche, wie die Hypnose ihn darstellt, am besten bei p imitiven Menschen ankommt. Seelisch differmzierte Menschen sind es gewohnt, jeder äußeri Einwirkung gegenüber Schlupfwinkel, S<hleichtreppen und Beobachtungsstände zu haben, so daß der massive hypnotische Frontalangriff sofort konterkarriert wird. Ganz im gleichen Sinne trifft ein starker telepathischer S:rom nicht den sensiblen Menschen — dort wird ei allzij leicht zerfleddert und paralysiert —, sondern den unvorbereiteten Primitiven, ganz in demselben Sinne, wie manch Infektionskrankheiten den robusten Menschen viel stärker umwerfen als denjenigen, der den Umgang mit , Krankheiten gelernt hat. Ein primitiver Mensch ist ein Gefäß, das leichter mit Inhalt gefüllt werden kann als ein Topf, in dem es sowieso brodelt.

Aber auch diese Erklärung reicht nicht aus. Therese Neumann in. Konnersreuth hat eine Topographie Jerusalems gegeben, die erst Jahre später durch die englischen Ausgrabungen bestätigt wurde. Wer soll ihr das telepathisch eingeredet haben? Wer hätte ein Interesse, daran gehabt, der Stuttgarterin Mitteilungen über die Form mongolischer Winterschuhe zu funken? Vor allem aber — und damit rücken wir unsere staunenden Fragen um einen Zahn weiter —: wie konnte es geschehen, daß der Gesichtsausdruck des Dienstmädchens Frida sich so stark ins Mongolische veränderte, daß selbst bei der deutschen Polizei, die sie zuerst in Gewahrsam nahm, niemand auf den Gedanken kam, in ihr eine Deutsche zu vermuten? Der Arzt — und nicht nur der Psychiater — erlebt es des öfteren, daß bestimmte Erkrankungen einen physiognomischen Wandel des, Ausdrucks herbeiführen. Krankheiten, die den Hormonhaushak und die Drüsenfunktionen des Körpers angreifen, vermögen das Gesicht des Menschen wesentlich zu verändern. Bestimmte Muskelpartien straffen sich, einzelne Gewebe werden stärker durchblutet, andere Nervenzentren entspannen sich, Polsterung und Färbung der Haut wandeln sich. Kann sich bei einem Menschen, der einem seelischen Schock ausgesetzt gewesen ist, oder bei dem sich hormonale Störungen ergeben haben, die Summe der Störungen "zufälligerweise" so legen, daß dabei ein mongolenähnliches Gesicht herauskommt ? Stellen wir die Frage so, so wird uns sehr schnell klar, daß sie abwegig ist, weil sie zu materialistisch gestellt ist. Der heutige einsichtige Stand der Seelenkunde würde dieses Puzzlespiel des Zufalls niemals als Ursache gelten lassen. Der Psychologe von heute würde vielmehr ein ganz anderes Prinzip in die Deutung einführen: die formende Macht des Bildes. Wir haben erst Ansätze zu einer Lehre, die den Beweis führt, daß die reine Form — also das unwägbar Physiognomische, das uns auch allein die bildende Kunst wert und teuer- macht — ata Vorbild oder Anbild eine im wahrsten Sinne des Wortes bildende Kraft hat, die mit gestaltendem Griffel die physische Materie formt. Oberprüfen wir bei Menschen, die uns lange bekannt sind oder denen wir lange nicht begegneten, wie und nach welchem Anbild inzwischen dieser Griffel arbeitete, so haben wir keine prinzipielle gedankliche Schwierigkeit mehr, wenn wir annehmen wollen, daß sich unter besonderem seelischem Druck Wandlungen dieser Art auch in wenigen Stunden zu vollziehen vermögen. Physiologische Einwände von besonderer Durchschlagskraft stehen einer solchen Annahme nicht im Wege. Wir haben bei hypnotischen Experimenten noch viel tollere Dinge gesehen — Adern, die nicht bluteten, Muskeln, die hart wurden wie Stahl. Wenn solche platten, mit Kilogewichten auszumessenden Erfolge durch eine psychische Einflußnahme zu erzielen sind — wieviel mehr soll man nicht an die Möglichkeit der Veränderung von Gesichtszügen glauben, wenn der ganze Mensch, wenn die ganze Psyche — besessen ist? Wir wissen, daß wir den rätselhaften Tatbestand, wie er in jedem Fall echter Besessenheit zutage tritt, nur vorsichtig ertasten können und viele Fragezeichen ihn weiterhin umgeben. Das vermag auch nicht anders zu sein bei einem Sachverhalt, bei dem Seelisches und Körperliches so eng ineinander, gekettet ist. Man sollte die genaue Prüfung solcher Grenzfälle nicht ablehnen: gerade sie zeigen, daß Blickwinkel oder Methode der einen oder anderen sonst so selbstsicheren Forschung vielleicht noch der einen und aaderen Korrektur bedürfen: was jede echte Forschung nur begrüßen wind.