Gemessen an der übrigen Welt und an der Geschichte, sind die Wirtschaftsverhältnisse in den USA unübertrefflich gut. Die ungeheuren Gewinne, die Höhe der Spareinlagen, des Nationaleinkommens, der Produktionslinien täuschen den Außenstehenden aber leicht darüber hinweg, daß das Rückgrat der USA die Farmer und Arbeiter sind, d. h. die niederen Einkommensklassen. Die Sicherung ihrer Errungenschaften unter einem sozialen – sogar sozialistischen – Regime der letzten 15 Jahre gegenüber dem "Big Business" und der früheren rücksichtslosen Kapitalwirtschaft ist das Ziel des Präsidenten und des neuen Kongresses. Das Hauptproblem liegt dabei in der Maßhaltung der Mitte zwischen Inflation und Deflation.

Zieht man die Bilanz der Lebenshaltung, so scheinen auf den ersten Blick die Lohnerhöhung gen den Vorsprung vor den Lebenskosten zu haben. Vergleicht man aber die drei hauptsächlichen Ausgaben für den Lebensunterhalt einer Familie, so ergibt sich ein wesentlich ungünstigeres Bild. Die Teuerung machte aus: für Nahrungsmittel 110 v. H., für Miete 80 v. H., für Kleidung 100 v. H. Bei Essen, Kleidung und Wohnen haben die niederen Einkommen also die größte Belastung zu tragen. Die Gewinne durch Streiks wurden jedes Jahr geringer gegenüber den dadurch mitverursachten Preissteigerungen.

Nach den Feststellungen der Zeitschrift "Time" stiegen die Löhne in der Zeit von 1945 bis 1948 von 210 auf 240, die Lebenskosten von 125 auf 170, die Großhandelspreise von 130 auf 210 v. H. des Index – ein noch ungünstigeres Bild über die Entwicklung des Real-Lohnes. Zwar machte sich im letzten Vierteljahr eine deutliche Abwärtsbewegung der Preise geltend, doch ist damit der Entwicklung noch kein grundsätzlicher Einhalt geboten. Die Arbeiterschaft verzeichnete in dieser Zeit aber noch weitere Verluste. Von August 1945 bis Mai 1948 gingen den USA-Arbeitern 193 Mill. Arbeitstage mit einer Lohnsumme von 2 Mrd. $ verloren. Jeder Arbeiter verlor also 10,25 $ für jeden Streiktag.

Kennzeichnend für einen Streik ist, daß die Arbeiter einen geringen Gewinn für die Zukunft durch einen großen Verlust in der Gegenwart erkaufen. 1946 traten in den USA 4 1/2 Mill. Arbeiter in den Streik. Ihr Gewinn betrug etwa 5 v. H. mehr, als ihnen die Unternehmer ohnehin zugebilligt hatten. Dagegen erlitten sie einen Ausfall, an Lohn, zu dessen Aufholung sie 4800 Stunden oder fast 2 1/2 Jahre brauchen.

Die vorjährigen Streiks verliefen entweder ergebnislos oder wurden zu den vorher gebotenen Zulagen abgeschlossen. Das erklärt die jetzt ausgesprochene Streikmüdigkeit der Arbeiter und Gewerkschaften.

Die Steigerung des Nationaleinkommens um 120 v. H. gegen 1939 und der Produktion um 50 v. H. in den USA darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Lebenshaltung von zwei Dritteln der Bevölkerung gegen 1939 etwa gleich geblieben ist. Gleichzeitig hat sich eine Umschichtung der Einkommensklassen vollzogen: Die Landwirtschaft steigerte ihr Realeinkommen um 155 v. H., die Industriearbeiterschaft um 17 v. H., während die kaufmännischen Angestellten einen (Verlust von 1 bis 5 v. H., die Kapitalrentner einen solchen von 1 bis 45 v. H. und die über 1939 erlitten haben. Die Gewinner dieser Umschichtung sind die großen Industrieunternehmen und Großproduzenten, die Finanz-, Bank- und Versicherungsgesellschaften, die Farmer, selbständigen Gewerbetreibenden und leitenden Angestellten. Diese höheren Einkommensklassen umfassen 30 v. H. der Bevölkerung, die 60 v. H. des Nationaleinkommens unter sich teilen. EOG.