Portugal ist um seine Sensation gekommen. Der Wahlsonntag ist ohne Zwischenfälle vorübergegangen. Die Soldaten blieben in ihren Kasernen, der Rundfunk kommentierte das große Ereignis – sofern überhaupt – nur kurz und sachlich, und in den Kirchen wurde wie üblich die Messe gelesen. Die Wahlbeteiligung lag mit 65 v. H. für portugiesische Verhältnisse über dem Durchschnitt.

General Norton de Matos, der Kandidat der Opposition hat die Drohung wahrgemacht, die er bereits in der ersten seiner vielen Wahlreden deutlich genug ausgesprochen hatte. Er versagte dem aus dem Jahre 1946 stammenden Wahlgesetz seine Anerkennung und zog zwei Tage vor der Wahl seine Kandidatur zurück. Er hatte die Rückkehr zu dem alten Wahlgesetz von 1911 gefordert, weil es die Durchführung einer freien demokratischen Wahl eher ermögliche als das Gesetz aus dem Jahre 1946. Dieses nämlich bestimmt, daß alle Männer zur Wahl zuzulassen seien, sofern sie lesen und schreiben können oder aber 100 Eskudos Steuern im Jahr zahlen. Frauen dürfen ihre Stimme nur abgeben, soweit sie die höhere Schule besucht haben oder als Familienoberhaupt angesprochen werden können. Ausgeschlossen von der Wahl sollen alle bleiben, deren Äußerungen darauf schließen lassen, daß sie Ideen vertreten, die die öffentliche Sicherheit, Ruhe und Ordnung gefährden oder den Bestand Portugals als unabhängiger Staat in Frage stellen. Gerade in dieser Bestimmung sahen General de Matos und seine Anhänger eine nicht zu kontrollierende Handhabe des Staates, um unliebsame Elemente, und damit alle oppositionellen Kräfte von der Wahl auszuschließen.

Es ging bei der Wahl nicht um die Persönlichkeit des Marschalls Carmona oder um die des Generals de Matos, sondern um das Regime schlechthin, ein Regime, von welchem sein Erbauer Salazar selbst sagte, daß es nicht vollkommen sein könne. In seiner einzigen Rede während des Wahlkampfes hatte Salazar erklärt, daß es keine Staatsform gäbe, die überall und unter allen Umständen anwendbar sei, es gäbe aber solche, "die die besonderen Umstände in Betracht ziehen und solche, die diesen besonderen Umständen nicht Rechnung tragen".

Vierzig Tage lang hatte Salazar der Opposition Gelegenheit gegeben, gegen ihn und sein Regime Vorwürfe zu erheben. Als politischer Erzieher des portugiesischen Volkes, als der er sich nun einmal, fühlt, hatte er nur dann eingegriffen, wenn seine Gegner es an der nötigen Höflichkeit fehlen ließen. Solange Professor Rodrigues Lapa, einer der berühmtesten portugiesischen Philologen, dem Regime Rückständigkeit und Korruption vorwarf, ließ man ihn gewähren. Als er aber sein eigenes Volk als die "letzten Kaffern Europas" bezeichnete, war es mit der Geduld Salazars und Lapas Reden zu Ende.

Die schonungslose Kritik, das Aufwühlen aller Leidenschaften und der offene Widerstreit der Meinungen werden jedoch auch angesichts des Sieges von Marschall Carmona ihre Wirkung nicht verfehlen. Der Kurs allerdings, dem die Mehrzahl der Wähler, vor allem die jüngere Generation und die Kirche, deren erklärtes Lieblingskind Salazar nun einmal ist, treu geblieben sind, wird keine wesentliche Änderung erfahren.

Salazar ist sich seiner abendländischen Mission bewußt. Er wird fortfahren, Portugal zum Bollwerk abendländischer Kultur zu machen. Denn nach seinen, im Zusammenhang mit dem Beitritt Portugals zur UNO geäußerten Worten geht es darum, "das russische Spiel zur Zerstörung der Weltordnung und Sowjetisierung Europas mitzumachen oder es zu bekämpfen. Es geht darum, die Interessen des Abendlandes zu verraten oder sie zu bewahren." J. H.