Am 10. und 11. Februar fand in Hamburg eine Tagung statt, an der alle, staatlichen und kirchlichen Stellen der Bizone, die sich mit Fragen der Auswanderung befassen, teilnahmen. Es ergab sich hierbei ein Überblick über den heutigen Stand der Auswanderung.

Während die IRO die Massen der DP’s in lebhaftem Tempo abtransportiert, so daß auf diese Weise schon Millionen von Nicht-Deutschen in den letzten Jahren aus Deutschland herausgekommen sind, ist die Auswanderung der Deutschen selbst noch nicht in Fluß gekommen. Über Bremen sind in den vergangenen zwei Jahren etwa 4500 Deutsche ausgewandert, überwiegend Fälle von Verwandten-Auswanderung. England hat in den letzten Monaten etwa 4000 Frauen und Mädchen als Hausangestellte übernommen und beabsichtigt, nun Textilarbeiterinnen, namentlich sudetendeutscher Herkunft, anzuwerben. Von den vielen Antragstellern, die sich bei den nordamerikanischen Konsulaten in jüngster Zeit gemeldet haben, dürften die ersten nicht. vor Juli dieses Jahres ausreisen können. Über Hamburg sind seit Kriegsende rund 3000 Personen nach Südamerika repatriiert worden, wobei es sich grundsätzlich um dort geborene, also südamerikanische Staatsangehörige handelt, mit denen auch Verwandte deutscher Nationalität mitreisen konnten. Schließlich bemüht sich eine kirchliche Stelle aus Kanada, Volksdeutsche zu ihren Verwandten nach Kanada zu bringen, was bisher etwa 500 Personen monatlich zugute kam. Hinzu kommt dann noch die Anwerbung von Arbeitern für Frankreich, sowie die Fälle von Individual-Auswanderung in andere Länder, bei denen Verwandte oder Arbeitgeber im Ausland den betreffenden Auswanderern die Reise ermöglichen.

Daß eine wirklich großzügige Auswanderung noch immer nicht in Gang gekommen ist, liegt einmal an dem Verbot der Militärregierung und zweitens an der Forderung, daß alle Reisekosten vom Ausland her bezahlt werden müssen. Dessen ungeachtet beschäftigen sich viele einsichtige Kreise schon jetzt eingehend mit diesen Fragen. Die Regierungen der acht Länder der Bizone lassen ihre Vertreter zu regelmäßigen Tagungen zusammenkommen; sie haben ein ständiges bizonales Sekretariat mit dem Sitz in Bremen gegründet und arbeiten in enger Fühlung mit zahlreichen gemeinnützigen Anstalten und privaten Vereinigungen. Es soll zunächst einmal angeregt werden, daß mindestens alle diejenigen Personen Genehmigungen zur Ausreise erhalten, die eine Einreiseerlaubnis in irgendein Land sowie die Sicherstellung der Passagekosten dorthin nachweisen können, sofern es sich um Personen handelt, die beim Aufbau Deutschlands entbehrlich sind.

Allerdings besteht in deutschen Kreisen über die grundsätzliche Frage der Auswanderung noch gar kein Einverständnis. Die Gründe, die im allgemeinen gegen eine Auswanderung angeführt werden (Mangel an Männern der jüngeren Jahrgänge, Gefahr der Abwanderung von Fachkräften) haben in Bonn dazu geführt, daß der Parlamentarische Rat in dem Entwurf für das Grundgesetz das Recht auf Auswanderung aus den Grundrechten gestrichen hat, obgleich dieses Recht, das schon im Naturrecht als selbstverständliche persönliche Freiheit gegolten hat, unter dem Einfluß der französischen Revolution in Deutschland schon 1849 von der Frankfurter Nationalversammlung als Grundrecht proklamiert worden ist. Es hat dann unter der Bismarckschen wie unter der Weimarer Verfassung ohne jede Einschränkung gegolten und ist inzwischen in die Verfassungen der meisten Länder übernommen worden. Nachdem die Konferenz von Philadelphia im Jahr 1944 das Recht auf Auswanderung als wesentlichen Bestandteil des internationalen Arbeitsrechts verkündet hat, haben nun die Vereinten Nationen im Dezember 1948 in Paris die Freiheit der Auswanderung als ein Grundrecht aller Menschen feierlich proklamiert. Weite Kreide unseres Volkes wollen auf dieses Grundrecht nicht verzichten und sind der Meinung, daß der Besonderheit unserer heutigen Lage in einem Zusatz zum Gesetz Rechnung getragen werden: könnte.

Ein Ausschuß der Hamburger Tagung hat sich mit dem Entwurf eines Bundes-Auswanderungsgesetzes beschäftigt. Es sind alle Vorschriften über den Schutz des Auswanderers und die Beratung des Auswanderungswilligen zusammengefaßt worden. Bei dieser Gelegenheit soll das geltende Recht, das ziemlich unübersichtlich, und veraltet ist, vereinheitlicht und modernisiert werden. Eine wesentliche Aufgabe ist ferner der Ausbau neuer Auswanderungsberatungsstellen. Zur Zeit werden diese Beratungsstellen unterhalten von den beiden Kirchen und der Arbeiter-Wohlfahrt und daneben werden gemeinnützige Zentralstellen geschaffen, die für den Bezirk ganzer Länder tätig sein sollen. Da-sich die Zentralen dieser Stellen in den jeweiligen Hauptstädten befinden (bisher nur: Bremen, Hamburg, Kiel und Hannover), werden ihre Berater in Zukunft Sprechtage auf dem Lande abhalten, da eine sinnvolle Beratung nur im persönlichen Verkehr zustande kommen kann.

Besonders interessiert an der Auswanderung sind im heutigen Deutschland natürlich die Frauen, für die indessen die Bereitschaft zur Aufnahme im Ausland nur selten gegeben ist. Neben einer begrenzten Anzahl von Kriegsbräuten ist es gelungen, die "Aktion Nordsee" einzuleiten, auf Grund deren England einige tausend Frauen, und Mädchen bereits aufgenommen hat. Ihnen soll jetzt ein neuer Schub von Mädchenfolgen, die in England in Krankenhäusern ausgebildet werden.

Es ist klar, daß die Auswanderung, selbst wenn sie völlig freigegeben würde, niemals eine wirkliche Lösung unseres Bevölkerungsproblems, insbesondere der Flüchtlingssituation, bringen könnte. Von den Flüchtlingen haben einige Gruppen, wie die Sudetendeutschen, die einen hohen Prozentsatz gewerblich Tätiger umfassen, die Möglichkeit gefunden, im Westen wieder seßhaft zu werden; sehr viel schwieriger ist es für diejenigen, die aus der Landwirtschaft stammen. Sie finden aber auch im Ausland nicht leicht Aufnahme, da sich die meisten Länder gegen geschlossene Siedlungen grundsätzlich wehren und den früheren Bauern nur "als Landarbeiter und Holzfäller zulassen wollen,

Eine ausführliche Erörterung der Frage "Flüchtlinge und Auswanderung", die auf der Hamburger Tagung, stattfand, hat ergeben, daß sich viele und gerade verantwortliche Stellen dafür einsetzen, zunächst alle Möglichkeiten zu erforschen, um die Flüchtlinge, soweit wie irgendmöglich, wieder in Deutschland seßhaft zu machen, ehe man eine Auswanderung im großen befürwortet, W. F.