Jahre des Grauens – Entstellte Wahrheiten – Lockende Verträge

Von Walther P. Kleffel

Durch Österreich rollten die Heimkehrerzüge, die die Letzten der Südost-Armee in die Heimat zurückbrachten. Unser Mitarbeiter Walther P. Kleffel hat einen der insgesamt 24 Transporte, die in je 27 D-Zugwagen 1500 Kriegsgefangene heimführten, von der jugoslawischen Grenze durch Österreich bis zur deutschen Greze begleitet.

Als der jugoslawische Güterzuge der die Heimkehrer aus dem Entlassungslager Belgrad brachte, den langen Grenztunnel zwischen Jesenice und Rosenbach passiert hatte, atmete alles erleichtert auf. Nun endlich konnten die Milizsoldaten, die den Transport zu bewachen hatten, die wehrlosen Gefangenen mit ihrem Haß und ihren Ressentiments nicht mehr quälen. Nun konnte auch keine unliebsame Überraschung mehr kommen und etwa den einen oder anderen noch in letzter Minute aus dem Transport holen, wie es so oft in Jugoslawien geschah. Jetzt hatten die frischen, adretten Jungen der österreichischen Gendarmerie, Kärntner, sie in ihre kameradschaftliche Obhut genommen. Sie konnten getrost von dannen fahren und sich an den vielen Plakaten freuen, die das deutsche Antifa-Komitee, alle Register der moskauhörigen Propaganda ziehend, an jeden Wagen gekleistert hatte.

Lauter alte Litaneien

Hörte man es nicht anders in den ersten Gesprächen mit den Heimkehrern, man hätte glauben mögen, ein Stoßtrupp von Kominform-Weltbeglückern käme angerollt und machte sich zum letzten Angriff auf die Bollwerke westlicher Demokratie bereit. Lenin-, Stalin- und Tito-Bilder prangten an jedem Wagen, Grußworte an die SED als die alleinige Kämpferin für die Einheit Deutschlands, Dankesworte an die Rote Armee und ihre Führer als die Befreier Europas und der Menschheit. "Ziveo Marsal Tito!" und "Heil Molotow, der Verteidiger unserer Selbstständigkeit und des Friedens!" künden laut von der "Dankbarkeit" der Gefangenen. Sprüche in serbischer Sprache verdammen Marshall-Plan, Wirtschaftsführer, Antisowjets, Imperialisten,. Kirche, Hitler-Barbarei und Trizone, fordern volkseigene Betriebe und Planwirtschaft, Volksentscheid, und alle Macht den Betriebsräten und ein besseres Leben für unsere Kinder unter dem Schutze des Moskauer Politbüros. Ganz verschämt und versteckt nur las man die blasse Kreideaufschrift "Heim zu unseren Liepen". Und einmal sah man auch – und das ist bezeichnend für die Stimmung der österreichischen Bevölkerung – den Spruch "Berlin bleibt doch Berlin und immer Freund mit Österreichs Wien!" Doppelsinnig aber wirkt die Inschrift: "Die Ver-– gangenheit soll uns eine Lehre für die Zukunft sein". Die vielen Arbeits- und Straflager Jugoslawiens, die Hölle von Bor und das Grauen des Kalvarienberges von Belgrad haben erfolgreiche Schulungsarbeit geleistet, wenn auch nicht im Sinne der Propagandisten ...

Schnell sind die Übergabeformalitäten erledigt. Der Grenzbeauftragte des bayerischen Staatskommissars für die Flüchtlinge, Kessler, hat den ganzen Schwann in wenigen Minuten zonenweise geordnet. Die Rotekreuz-Schwestern haben gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer die Kranken in ihre Fürsorge genommen, der Arzt und der "Verpflegungsminister" sich an die Arbeit gemacht. Bald rollt der überlange Zug wieder aus dem Bahnhof, an den schneebedeckten Gipfeln der Karawanken vorbei in Richtung zu den Hohen Tauern. In den Abteilen wird gebürstet und geklopft, Stiefel gewichst und rasiert.