Von Paul Hühnerfeld

Aufbau-Möbel nennt man die niedrigen, hellen Holzmöbel, die heute in den kleinen Räumen der Neubauten und Behelfsheime bevorzugt werden. Denn zwischen Trümmern sind die Zeiten untergegangen, in denen es zum "guten Ton" gehörte, ein Haus mit vielen Zimmern zu besitzen, die Zeiten, da man sich, wenn man baute, überlegte, welchen Zwecken die einzelnen Räume dienen sollten. Wo sind sie geblieben –: die Eßzimmer, Herren- und Damenzimmer, Musik- und Kinderzimmer? Heute müssen Familien in "Vier-Wände-Wohnungen" hausen. Immerhin können geeignete Möbel aus dieser Not eine Tugend machen. (Die Kunst, sich "behelfen" zu können, ist die Tugend armer Zeiten.)

Bei den neuen Möbeln fällt zunächst ihre geringe Höhe auf. Kein Wunder: der große, mächtige Bücherschrank unserer Väter, der bis zu 2,20 m hoch sein konnte, würde gleich den ganzen Raum ausfüllen. Der länglich wirkende moderne Bücherschrank ist etwa 1,38 m hoch, und auch in seiner Tiefe weicht er von seinem Vorgänger um ein Beträchtliches ab; 34 cm mißt er, während der Bücherschrank des bürgerlichen Herrenzimmers vor dem Krieg bis zu 60 cm tief sein konnte. Und dabei stellt das neue Modell noch mehr als einen Bücherschrank dar. Das Fach an der linken oberen Seite beispielsweise ist so eingerichtet, daß man es herausziehen und dann als Schreibtischersatz benutzen kann; und rechts befindet sich wohl eine größere Tür, hinter der sich diesmal nicht die ungelesenen Folianten verbergen, sondern – Anzüge oder Kleider. Der alte klobige Bücherschrank aus dem Herrenzimmer hatte es damals abgelehnt, Kant und Goethe neben frischer Wäsche, die Gedichte Heines oder Eichendorffs zusammen mit den Geschäftsbriefen und der täglichen Post zu beherbergen. Dem Menschen von heute scheint solche Pietät übertrieben. (Auch Pietätlosigkeit ist eine Tugend von heute.)

Denn Pietät in der Wohnung braucht Platz. Platz aber fehlt. Darum gibt es heute nur noch selten einen Kleiderschrank, der nichts als dies wäre. Darum findet man kaum noch einen Schreibtisch, der nichts als ein Schreibtisch wäre. Heute wird alles irgendwo herausgezogen, herausgeklappt, ist plötzlich da und wieder fort, wenn man es nicht mehr benötigt. Die Umwandlung der Wohnküche, in ein Wohnzimmer oder des Wohnzimmers in einen Schlafraum geht so schnell und mit so wenig Handgriffen vor sich, daß es fast zauberhaft erscheint. Was aber gehört eigentlich in ein modernes Zimmer, das solcher Umwandlung fähig ist? Der variable Bücherschrank, von dem schon gesprochen wurde, steht in einer Ecke und ihm gegenüber vielleicht wiederum eng an die Wand gelehnt ein Sessel mit einem niedrigen schmalen Tisch. Dieser Tisch aber dient nicht nur zum gelegentlichen Essen, sondern auch zum gelegentlichen "Drumherumsitzen". Doch ist er als Eßtisch nicht viel zu niedrig? Er erreicht doch höchstens die Höhe eines Klubtisches, also etwa 60 bis 70 cm, während wir einen Eßtisch im alten Stil über einen Meter hoch gewohnt sind. Gewiß, auf Stühlen kann man sich an diesen neuen Tisch nicht zum Essen setzen. Doch es gibt ja auch kaum noch Stühle im modernen Wohnzimmer! Jedenfalls – wenn man heute in ein modernes Möbelgeschäft geht und eine vollständige Zimmereinrichtung verlangt, so fällt es dem Verkäufer nicht mehr ein, Stühle dazuzurechnen. Das ist leicht zu verstehen, wenn man bedenkt, daß die Stühle ja viel zu hoch wären für den flach gehaltenen Tisch oder den ausziehbaren Schreibtisch am Bücherschrank. Und beim Essen tut es ja auch ein niedriger Sessel oder ein auf den Teppich gelegtes Kissen, den Teller kann man schließlich in die Hand nehmen. Das mutet beinahe ein wenig orientalisch an, und nach unseren Vorstellungen vor allem ein bißchen unbequem, aber dafür hat man wieder Platz gewonnen und den Tisch auch noch für andere Zwecke gerettet: er kann als Nähtisch dienen, oder nachmittags gar für einen vornehmen zierlichen Teetisch gelten.

Auf dem Fußboden des Zimmers liegt ein deutscher Teppich, Haargarn- oder Velourteppiche findet man am häufigsten. Die Möbelgeschäfte klagen, wenn man auf sie zu sprechen kommt: Sie sind nur schwer lieferbar, obwohl sie doch nicht von sehr weit, aus Westfalen und Süddeutschland kommen, und ziemlich teuer. So kostet ein Haargarnteppich von sechs Quadratmeter heute etwa 230 DM, das ist einige Male soviel wie etwa 1938. Echte Teppiche dagegen sind noch nicht zu haben, wie überhaupt alles, was heute bei uns eingerichtet wird, aus dem eigenen Lande kommen muß.

Das gilt auch für das Holz der Möbel wo Nuß, Ahorn und Eiche vorherrschen. Die Farben sind hell, dunkel- und mittelbraun, doch bevorzugt man die hellen und mittleren Töne. Sie passen besser zu den schmalen, niedrigen Möbeln, die dem ganzen, so vielfach veränderbaren Zimmer Leichtigkeit und Helle verleihen, es größer und weiter machen, obwohl es doch mit dem Metermaß gemessen so klein ist.

Aber dieser Eindruck von Weite liegt auch noch anderswo begründet: Das neue Zimmer hat keinen festen Mittelpunkt mehr. In alten Wohn- oder Eßzimmern war alles schon von vornherein festgelegt: in der Mitte stand der kräftige Tisch mit den Stühlen, die fast wie festgewachsen anmuteten, und an denen man auch die kleinste Verrückung bemerkte; an der – meistens der Eingangstür gegenüberliegenden Wand – thronte das Büfett wie ein Altar. Mittelpunkt war gleichzeitig auch die räumliche Mitte des Raumes, da wo die schwere Lampe von der Decke hing. Das moderne Zimmer dagegen hat seine "Mittelpunkte" in die Ecken und an die Wände verlagert, wo in der einen gekocht, in der zweiten gelesen und in einer dritten geschrieben, genäht oder gar schon geschlafen werden kann, ohne daß die Zimmerbewohner einander mehr als erträglich stören.

Der neue Stil der Inneneinrichtung hat sich aus Not und Enge der Gegenwart entwickelt. Er hat Wärme, Helle und Kargheit. Er hat der alten Wohnkultur immerhin einiges voraus, Einfallsreichtum und Sparsamkeit und die/Möglichkeit zu immer neuen Zusammenstellungen. Der alte Stil hatte dem großen Raum eine feste Form gegeben, um ihn kleiner und vertraulich zu machen. Der neue Stil ist der Stil der aus den großen Räumen vertriebenen Menschen. Der alte Stil versuchte die vielen Möglichkeiten und die Wohlhabenheit seiner Menschen auf eine Form festzulegen und bescheiden zu machen, wenn er echt war und nicht protzig. Der neue Stil zeigt den Reichtum der Bescheidenheit.