Die letzte Nacht

Mit ihrem neuen Film "Die letzte Nacht" ist der Real-Film (Hamburg) einer der bedeutendsten Filmstreifen der Nachkriegsproduktion und – eine Ehrenrettung der deutschen Wehrmacht gelungen. Aber noch ein drittes Moment zeichnet diesen Film aus: er kann gefährlich mißdeutet werden.

Die Französin René Meurier, Schriftstellerin, Widerstandskämpferin und dennoch Pazifistin, Intellektuelle und zugleich voller Herz, vor allem aber eine schöne Frau, sprengt eine für den deutschen Rückzug in Frankreich 1944 wichtige Brücke. Sie tut das, weil sie glaubt, daß jede Minute, die der Krieg eher aufhört, ein Segen für die Menschheit sei. Kurz nach dem Sabotageakt wird sie gefaßt, überführt und noch am selben Abend zum Tode verurteilt. Am anderen Morgen um vier Uhr soll die Hinrichtung sein. In dieser letzten Nacht begegnet ihr ein deutscher Offizier. Er hat am selben Morgen ein fast aussichtsloses Kommando zu übernehmen. Die Nähe des Todes führt beide Menschen zusammen. Der deutsche Oberleutnant beginnt die Sinnlosigkeit seiner bisherigen Welt einzusehen. Aber mehr noch: Beide beginnen sich zu lieben. Sie sagt: "Wie glücklich hätten wir miteinander leben können." – Sie wollen fliehen. Ihr gelingt die Flucht durch seine Hilfe, er selbst wird gefaßt und wegen vorbereiteter Fahnenflucht erschossen.

Dieses Thema an sich ist nicht neu. Die Konflikte, in die ein Mann gerät, wenn Pflichterfüllung und Liebe aufeinanderprallen, sind schon oft dargestellt worden. Aber hier geht es um mehr: es geht darum, zu erkennen, was diese Pflicht, die der deutsche Offizier zu erfüllen hat, eigentlich ist und ob sie zu Recht besteht. Es geht um die Frage, ob Man noch Gehorsam von einem Menschen verlangen kann, wenn er dadurch in Widersprich zum eigenen Gewissen gerät. Die Darstellung dieses Konfliktes macht den Film so gefährlich: denn zu – seiner Kontrastierung steht auf der Seite des Gewissens eine geliebte Frau und auf der Seite des blinden Gehorsams echte Männer in den Uniformen deutscher Generalstabsoffiziere. Das verführt den Besucher zwar zu einem menschlichen Mitgefühl mit dem unglücklichen deutschen Offizier, aber gleichzeitig auch zu der Meinung, daß er Unrecht tue, wenn er fahnenflüchtig werde, wenn das auch durch die Liebe zu solcher Frau nur zu verständlich sei. Die enge Verwicklung von Liebe (in der man ja "schwach" wird) und rechtlichem Tun, läßt im Zuschauer die Überzeugung aufkommen, daß das Recht auf Seite der untadeligen Generalstabsoffiziere und ihres Generals sei. Wie wäre es dagegen gewesen, hätten die Drehbuchautoren H. G. Petersen und Otto Heinz Jahn auch noch die geliebte Frau auf die Seite des militärischen Gehorsams gestellt und der Offizier hätte sich auch noch gegen ihre Liebe zur menschlichen Entscheidung durchringen müssen? – So dagegen wurde für viele Besucher in diesem Film (in den Urania-Lichtspielen und im Esplanade-Theater Hamburg) nicht die Menschlichkeit, wohl aber der deutsche Soldat und der soldatische Gehorsam gerettet.

Eugen York, der sich als Regisseur des Filmes "Morituri" einen Namen machte, zeigt sich auch hier als erstklassiger Spielleiter. Er hatte ausgezeichnete Schauspieler zur Verfügung. Sybille Schmitz spielt die französische Widerstandskämpferin, einfach und mit packender Klarheit. Karl John war ihr Partner, entgegen seinen früheren Filmrollen gewann er hier an -Menschlichkeit in seiner Darstellung. Peter Moosbacher und Josef Offenbach zeigten als Generalstabsoffiziere hervorragende Charakterstudien. Margarete Hagen, Josef Sieber, Hans Richter, Hermann Schömberg und Karl-Heinz Schroth spielten ihre Rollen sorgfältig und ohne jede Schwäche. An der Kamera stand Willy Winterstein, dem vor allen bei der Brückensprengung eindrucksvolle Aufnahmen gelangen.

Der Engel mit der Posaune

Der eiste Teil dieses etwas lang geratenen "Posaunenengels" aus Wien könnte auch den Titel tragen: "Wir heißen Euch hoffen". Denn während dieser-Zeit hofft man immer noch, daß der rührselige Kitsch mit Absicht aufgetragen sei und bald entlarvt werde. Den Rest des Films müßte man mit "Österreich kann nichts dafür" überschreiben. Schuldlos nämlich fühlt man sich in Wien an den Nazis, den Kriegen, den Bomben, die gefallen sind und überhaupt allem Übel, das in diesem Film mit pathetischem Finger "heim ins Reich" gewiesen wird. – Die Lebensgeschichte der halbjüdischen Frau eines Pianofabrikanten ist zu dumm. Ihr bleibt weder der traditionelle österreichische Filmtratsch mit dem Kronprinzen und einen zweiten hochadligen Herrn, weder ein Duell ihres Mannes im zünftigen Morgennebel noch ein ungeratener Sohn (der selbstverständlich später Nazi wird) erspart. In Wien, wo man die Aufführung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" abgelehnt hat, da es die Leute beunruhigen könne, versucht man nie aus den Fugen geratene Welt mit Mondschein, pathetischen Worten und fadenscheiniger Pseudomenschlichkeit zu retten. – Das alles interessiert bei uns überhaupt nicht mehr, selbst wenn es von einer Schauspielerin vom Range Paula Wesselys dargestellt und gesprochen wird. Die Regie dieses Films, der jetzt im Waterloo-Theater Hamburg zur deutschen Erstaufführung gelangte, hatte Karl Hartl. P. Hühnerfeld