I. Die Kritik

Im Sommer 1948 ist viel von einer Ausstellung die Rede gewesen, die in Paris durch den ‚Salon des Réalités Nouvelles‘ als eine Generalübersicht abstrakter Malerei veranstaltet wurde, und mancher von uns hätte sich wohl gewünscht, diese Ausstellung sehen zu können, um so mehr, als auch eine Gruppe deutscher Maler vertreten war. Ein Abglanz dieses Ereignisses erreicht uns nun. in der Wanderausstellung einer Gruppe französischer abstrakter Maler, die bereits in Stuttgart und München gezeigt wurde und, auf dem Wege nach Hannover, jetzt in Düsseldorf zu sehen war. Bott, Del Marie, Domela, Hartung, Herbin, Kupka, Plaubert, Schneider, Soulages, Villeri –: das sind die Namen der Künstler. Nicht alle sind Blutsfranzosen, stammesmäßig finden wir unter ihnen Böhmen, Deutsche, Holländer, Italiener und Schweizer. Aber die einigende künstlerische Atmosphäre ist doch so stark und so französisch, daß der Titel der Ausstellung durchaus zu recht besteht.

Die Spannung aber, mit der man diesen Blick in den Kulturbereich der freien Völker erwartete, wird doch enttäuscht. Wohlgemerkt, es ist nicht die noch immer umstrittene allgemeine, Grundlage oder das allgemeine Erscheinungsbild dieser ungegenständlichen Malerei, die enttäuscht, – die Höhenlage der Begabung und der künstlerischen Kraft ist vergleichsweise niedrig. Wir sehen wohl Talente, aber keine überragenden Begabungen. Die Absichten dieser Maler halten sich sehr in den Grenzen modernistischer Übereinkünfte. Theoretisch gesehen, handelt es sich um kaum mehr als den Konstruktivismus des deutschen ‚Bauhauses‘ – vor allem die Erfindungen El Lissitzkys und Mondriants – mit den Einsichten in die psychographische Bedeutung der Arabeske zu verbinden, die Masson und Mirò aus dem Surrealismus entwickelt haben. Das ist von der modernen Geschichtslage her gesehen eine richtige Absicht. Aber eben die Kraft ist nicht groß genug. Deshalb ist der formale Erfindungsreichtum nicht sehr bedeutend, und es bleibt oft bei durchaus akademischen Exerzitien im Umgang mit den bildnerischen Mitteln. Kurz, es fehlt der geniale Mensch, der dieser Malerei die selbstverständliche Überzeugungskraft geben würde.

Einer dieser Maler jedoch wird fest in der Erinnerung bleiben –: Hans Hartung. Ein 45jähriger Leipziger mit tollem Lebensschicksal: Maler, Philosophiestudent, 1935 nach Paris geflüchtet, während des Krieges Freiwilliger der französischen Fremdenlegion, 1943 in spanischen Gefängnissen, 1944 in de Gaulles Nordafrika-Armee, bei Belfort schwer verwundet. Das ist eine gewiß erregende Malerei von einer geheimnisvollen farbigen Schönheit, die über einen bezaubernden Schmelz der von Dufy beeinflußten Farbe ein geheimnisvolles Gewebe leuchtend schwarzer Schriftzüge legt. Diese Bilder rühren unsere Empfindung in ähnlicher Weise an wie die feierlichen Koranzeichen auf den Schmuckbehängen der Moscheen oder die großen Tusche zeichen auf den Rollbildern der Ostasiaten, deren Wortsinn wir ja auch nicht ‚verstehen‘. Es ist das eine Welt unentschlüsselter Symbole, die nur in der gleichgestimmten Sensibilität des besinnlichen Betrachters eine Aussage gewinnen kann – als eine Art Notenschrift für die Musikalität der persönlichen Empfindung.

Werner Haftmann

II. Die Maler selbst

"... die abstrakte Kunst, diese Kunst der Schöpfung, ist tief menschlich ... Sie geht über die Ästhetik hinaus. Sie ist eine neue Art, die Welt zu erfassen. Sie ist eine Lebensregel. Sie ist eine Ethik." (Del Marie)