Die Trizone liegt in Wehen; die Väter im Parlamentarischen Rat haben ihre 149 Paragraphen für eine vorläufige Verfassung nahezu fertiggestellt: der westdeutsche Staat steht dicht vor seiner Geburt. Washington, Paris und London sind schon jetzt die auserwählten Paten, und je näher Grundgesetz und Besatzungsstatut rücken, um so schärfer sollte man über Bonn und die Trizone hinaus dorthin schauen. Denn die Lebenschancen des Kindes der an demokratischem Geist und materiellem Wohlstand nicht eben reichen Eltern werden weitgehend von seinen Paten abhängen. Drei Ereignisse der vergangenen Woche haben das besonders deutlich aufgezeigt:

In den Räumen des Quai d’Orsay hielt Außenminister Schumann eine turnusmäßige Pressekonferenz ab. "Deutschland wird auf jeden Fall in der künftigen Europa-Union vertreten sein", sagte er, und fuhr später mit kaum wahrnehmbarem und gewiß nicht kränkendem Spott fort: "Wie bei allem, was die Deutschen unternehmen, wird auch ihre provisorische Verfassung gründlich und genau verhandelt." Dennoch solle das Besatzungsstatut auch den deutschen Parlamentariern sobald wie möglich vorgelegt werden.

Einen Tag später erklärte Bevin im Unterhaus: "Ich bin froh, Gelegenheit zu haben, über diese Frage eine Erklärung abgeben zu können, da sie in letzter Zeit sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland viel Aufmerksamkeit erregt hat." Das Thema: die deutsche Konkurrenz. Sie müsse "als Beitrag zur euopäischen Gesundung und Stabilität willkommen geheißen werden", hatte zwar schon die Times als Verkörperung der seriösen Blätter und sachlichen Auseinandersetzung auf das variierende Angriffsmotto "Deutschland stiehlt unseren Markt" von Industriellen, Gewerkschaften und Boulevardpresse geantwortet. Allein es fehlte bisher das entscheidende Wort eines Staatsmannes Bevin sprach es: "Es ist das Ziel der britischen Regierung in Deutschland wieder eine lebensfähige Wirtschaft herzustellen. Zur Erreichung dieses Zieles ist eine große Steigerung der Exporte erforderlich." Auch das war eine gute Botschaft.

Während diese beiden Erklärungen von den westlichen Diplomaten abgegeben wurden, befand sich Berlins kluger Oberbürgermeister, Professor Reuter, in London und Paris. Und mehr als das> sein Aufenthalt trug zum erstenmal in der deutschen Nachkriegspolitik auch alle äußeren Formen eines Staatsbesuches. Er war Gast der britischen und französischen Regierung und besprach mit Bevin und Schuman die Fragen der Berliner Währung und die Eingliederung der verhinderten Hauptstadt als zwölftes Land in den westdeutschen Bund. Mag auch seine Mission, besonders in Paris, auf Schwierigkeiten gestoßen-sein, so hat er doch vor allem allen jenen das Gegenteil bewiesen, die aus formalen und anderen Gründen der Meinung waren, Außenpolitik könne nur mit Hilfe eines Außenamtes getrieben werden.

Und hier nun treffen die drei Geschehnisse der vergangenen Woche wieder zusammen. Sie alle haben veranschaulicht, daß die Verwirklichung eines westdeutschen Staates wahrhaftig nicht allein von innenpolitischen Entscheidungen abhängig ist und also erneut den Vorrang der Außenpolitik bestätigt. Darüber hinaus haben sie noch eine dreifache Klärung herbeigeführt. Und das ist gut so. Denn das westdeutsche Kind wird schon bei seiner Geburt genug belastet sein und soll doch möglichst bald laufen lernen.

C. J.