Von Irene Willen

Es war vor etwa dreißig Jahren in Moskau, Ein Dilettanten-Ensemble unter der Leitung des armenischen Regisseurs Wachtangow trat mit vier Einaktern zum erstenmal vor die Öffentlichkeit und erregte Aufsehen. Man sah theaterbesessene junge Leute von urwüchsigem Talent, und hörte eine Sprache, die fast niemand verstand und doch jeder erlebte. Aus Liebhaberei wurde bald berufsmäßige Schauspielkunst. Diese Künstler suchten neue Wege, um ihre schauspielerischen Gaben zur Entfaltung zu bringen, und sie fanden sie in den Dichtungen jüdischer Schriftstellen. Das Drama "Der ewige Jude" von David Pinski und die dramatische Legende "Der Dybuk" von S. Anski, mit jüdischer Mystik durchtränkt, boten Gelegenheit, schlummernde Gestaltungskräfte aus dem Urelement heraus zu entwickeln. Die Darsteller spielten sich selbst, ihr Volk und sein Schicksal. Sie gelangten zu einer theatralischen Ausdrucksform, die, durch starkes persönliches Erleben intensiviert, ihre Wirkung auf die Zuschauer nicht verfehlen konnte. In dem theaterreichen und theaterfreudigen Moskau feierten sie Triumphe. Die Sowjetregierung gewährte der Bühne Staatsmittel und erkannte sie offiziell an. Künstler wie Gorkij, Stanislawski; und Schaljapin nahmen fördernd und beratend daran teil. Eines Tages wagte das neue Ensemble sich auf eine Tournee, die über Lettland, Polen, Deutschland und Frankreich nach Amerika führte, um nach Jahren anhaltender Erfolge in der palästinensischen Heimat das Wandern zu beenden.

In Tel-Aviv fand das Theater sein endgültiges Heim, hier kam es zu seiner letzten Reife und Vollendung. Die "Habima", jenes Theater, auf dessen Brettern die Sprache der Propheten erklingt, nimmt in der gegenwärtigen Theaterkunst der Welt einen besonderen Platz ein. Es ist aus dem Geiste eines eigenartigen Volkstums erwachsen; ein Kollektiv von Menschen, die die Weltanschauung, die Kultur der Urväter und ihr eigenes Sein in künstlerische Werte umgeprägt haben. Das Theater ist für sie ein Tempel und die Bühnenkunst ein Gottesdienst. Sie spielen Studie, die das Leben ihres Volkes, seine Hoffnungen und Träume, seine Gedankenwelt, die Beengtheit im Ghetto, die alten Riten und Gebräuche widerspiegeln. Bühnendichtungen an sich mittelmäßiger Dramatiker wachsen in ihrer Darstellung zu eindrucksvoller Bedeutung. Ihr Spiel ist ein Bekennen des Lebens mit seinen Schwächen und Stärken, Leidenschaften und Unzulänglichkeiten. Durch das Medium uralter Weltanschauung erfassen sie den ganzen Menschen. Die Substanz ihrer Darstellung liegt im Ensemble. Die Kunst des einzelnen ist dem Gesamtspiel untergeordnet. Auch die größten dienen der kleinsten Rolle. Der eine statiert in diesem Stück und in einem anderen spielt er die Hauptrolle. Es gibt keine Premieren- und keine zweitklassige Nachpremierenbesetzung.

"Habima" ist ein Theater der Phantasie, in dem Rhythmus, Bewegung, Sprechstimme, psalmodierende Musik und Tanzrhythmen zu einer suggestiven Gesamtwirkung verschmelzen. Das eigentlich Mimische, der körperliche Ausdruck des Gedankens wird besonders betont. Die Gebärde wird zur unmittelbaren Sichtbarkeit des Geistigen. Der Bewegungsstil steigert sich beim Tanzen und Singen ins Bizarre.

"Habima" ist ein hebräisches Wort und heißt auf deutsch "die Bühne". Nach Tausenden, von Jahren erlebt die Sprache der Bibel (insofern die Ursprache der abendländischen Kultur) als Organ einer eigenständigen Kunst ihre Wiedergeburt. Auf dem Umweg der Übersetzung anderssprachiger Werke wird sie hier sogar zur offiziellen Dichtersprache. Alles Fremdsprachige wird für dieses Theater Ins Hebräische übertragen.

"Habima" ist längst zu einem Begriff geworden. Er bedeutet das Streben nach menschlicher Wahrheit und nach einem hohen künstlerischen Niveau. Er bedeutet aber auch respektgebietende ethische und moralische Grundsätze. Die Künstler der "Habima" kennen keine Starallüren,

Neben den Stücken jüdischer Herkunft spielen sie Dichtungen internationaler Meister, wie Raeines "Phädra", Shakespeares "Hamlet", Sophokles "Oedipus", "David Crown" von Calderon und andere. Doch ihre besondere suggestive Wirkung und ihre eigentümliche magische Kraft wurzelt in dem Boden des eigenen Volkstums, seiner uralten, überlieferten Kultur und Religion.

Paul Hühnerfeld