Hans Rehberg, bisher vor allem als dramatischer Historiograph der Hohenzollern bekannt, hat mit der Darstellung des ersten Tudor auf Englands Thron, Heinrich VII., die Lücke geschlossen, die Shakespeare zwischen Richard III. und Heinrich VIII. gelassen hatte. Er bringt sich dadurch mit Shakespeare in Vergleich. Ob er dabei schlecht wegkommt, braucht ihn nicht viel am kümmern, solange er sich an sein Eigenstes hält. Was aber Rehbergs Eigentlichstes ist, das ihn immer wieder um dramatische Gestaltung fürstlicher Schicksale ringen läßt, das macht dieser Heinrich VII. bis in die Gespensterregion hinein deutlich: es ist das Verhängnis königlicher Existenz. Darunter versteht er nicht die Fülle innerer und äußerer Gefahren allein, sondern das Verhängtsein schlechthin des Bösen über dies Amt und das Verbrennen der Seele ihres Trägers in den Feuern anscheinend unausweichlicher Schuld. Aber hier ist noch etwas mehr, und das macht es bedenklich. Denn Heinrich realisiert sein König-Sein nicht nur als ,Opfer‘ im Sinne jenes Sündenbocks, der mit der Schuld aller beladen in die Einsamkeit, den Untergang geschickt wird, sondern er glaubt in seiner eigenen Schuldaufhäufung ein organisches Mittel zu besitzen, um die künftige Zeit schuldfrei und also glücklich zu machen. Obgleich die Geschichte dieses Trugbild der doppelten Moral immer aufs neue widerlegt hat, scheint Rehberg es seinem Drama so weit ohne [Widerspruch zu unterlegen, daß sich einem unwillkürlich die Frage aufdrängt, wer ihn wohl Zuerst zu dieser Figur eines "notwendig" verbrecherischen Neubeginners im Königshandwerk gereizt haben mag. Die Horizonterhellung am Schluß kommt allerdings von der richtigen Seite: Aus der Gnade und Versöhnung, die Heinrich nach dem Sieg seinen Gegnern, soweit sie noch leben, gewährt. Aber das höchste Vorrecht des Königs bleibt doch im Schatten jener Vorstellung: daß ein Herrscher, nachdem er das "Notwendige" böslich getan und gleichsam aufgearbeitet habe, sich das Gütliche nunmehr leisten könne. Der Satz, daß auf dem Bösen ein Fluch liegt, daß es "fortzeugend Böses muß gebären" – dieser Satz könnte hier fast widerlegt erscheinen; um so energischer müssen wir an unsre Erfahrungen appellieren, die seine unbedingte Wahrheit nur allzusehr erhärten.

Noch in einem zweiten Punkt hält Rehbergs Schauspiel einer scharfen Kritik nicht stand: in der Sprachgestaltung. Es ist fast bestürzend, wie dürftig, kahl, unpoetisch und schwunglos die Sprache dieses Dramatikers ist, der es fertigbringt, seinen Helden im Augenblick höchster Erregung zu Richard Glosters Gespenst sagen zu lassen: "Gloster! Der Prinz von Wales ist doch tabu! –?" oder es allenfalls zu so verkünstelten Formulierungen bringt wie Lord Stanless ladys stets bewährte Freundschaft gegen mich läßt dieses böse Wort im Erd eich meines Busens keine, Wurzeln schlagen." Trotz alledem hat dieses im Sinngehalt wie in der Sprache kaum befriedigende Werk einen bemerkenswerten Vorzug: es ist dramatisch.

Arnulf Schröders Inszenierung im Bayerischen Staatstheater wußte innere und äußere Handlung eindrucksvoll zu verdeutlichen. Die vierzehn Bilder von Johannes Waltz waren schön und stimmungsträchtig. Doch wäre es erwünscht gewesen, den vier Stunden durch ein raschest verwandelbares Szenarium (und auch etliche Amputationen am Text) einiges abzuhandeln. Darstellerisch war die Besetzung der Titelrolle mit Wolfgang Büttner ein rechter Glücksfall. Das Unheimliche, Leid-Zersägte, nach Liebe Dürstende, Verstoßene dieses Heinrich Tudor hätte niemand überzeugender repräsentieren können. Der zweite Glanzpunkt war Anne Kerstens Margarete von Burgund. Auch der Darsteller des falschen Warwick, Klaus Bauer, trug vortrefflich zum Gelingen bei. Ebenso Godela Orff als Heinrichs Gemahlin und Walter Uttendörfer als der echte, im Tower gefangene Warwick. Daneben gab es auch weniger überzeugende Besetzungen.

Der dunkle Zauber eines figurenreichen historischen Gobelins und die dramatische Qualität des Werkes dürften den starken Erfolg bewirkt haben. Hanns Braun