Von Kardinal Josef Mindszenty

Im September 1945 wurde Bischof Josef Mindszenty von Papst Pius XII. zum Kardinal und Fürstprimas von Ungarn ernannt. Sein erster Hirtenbrief vom 18. Oktober 1945 enthält bereits die Kampfansage an das neue totalitäre Regime, das Glauben, Recht und Freiheit in Ungarn zu vernichten drohte. So schrieb er damals:

Nachdem der blutige Weltkrieg ein Ende gefunden hat, steht die Menschheit nach dieser Zeit furchtbarster seelischer Verwilderung vor neuen, schwierigen Aufgaben ... Ohne Opfer und Anstrengungen zu scheuen, muß eine neue Zukunft aufgebaut werden. Die Errichtung des staatlichen Lebens kann in Zukunft nur nach den Prinzipien der Demokratie erfolgen. Unter der Tyrannei hat die Welt wahrlich genug gelitten. Die Diktatoren haben dem Volk einen Willen aufgezwungen, der einer besseren Zukunft wert gewesen wäre. Tyrannei hat Europa in den furchtbaren Krieg hineingetrieben, Tyrannei hat den mörderischen Krieg bis ins Widersinnige und Wahnsinnige weitergeführt. Tyrannei hat die Menschen Jahre hindurch der heiligsten Rechte beraubt, ihnen die Gewissensfreiheit genommen, die Rechte der Eltern bei der Kindererziehung mit Füßen getreten. Die Tyrannei leugnete auch den Gedanken, daß der Einzelmensch ein Recht zur Selbstverwirklichung, zur Ausbildung seiner persönlichen Fähigkeiten und Neigungen habe.

Mit Freuden begrüßten wir jene Erklärungen, in welchen die Führer der Siegermächte verkündeten, sie hätten es sich zur Aufgabe gemacht, an der Schaffung von Demokratien mitzuarbeiten, die eine ernstere Einschätzung der Menschenwürde garantieren würden. Zwar hatten wir auch damals schon unsere Bedenken, aber wir sahen lieber auf das Gute, das sich manchenorts zeigte, und vertrauten darauf, daß es reifen und wachsen könnte; wir glaubten den höflichen Worten, welche die Vertreter der Demokratie für die Kirche und deren Arbeit in der Öffentlichkeit sagten; schöne Versprechungen, die sich manchmal auch in Taten verwirklichten. Das sahen wir, darauf bauten wir!

Von den vorgekommenen Übergriffen und Ausschreitungen meinten wir, daß dies nur die Auswüchse einer neuen beginnenden Ordnung seien, diese Fehler und Gemeinheiten würden mit zunehmender Ordnung verschwinden.

Unser Warten war lang und geduldig! Oft hatten wir schon das Gefühl, daß wir nun sprechen müßten, aber wir wollten die Entwicklung nicht stören. Wir wollten die eifrigen und angestrengten Bemühungen gutmeinender Menschen nicht noch mehr durch unsere offene Stellungnahme erschweren. – Wir müssen offen sagen, daß wir im ungarischen öffentlichen Leben viele, sehr viele Erscheinungen wahrnehmen, die zu den reinen Ideen der Demokratie in schärfstem Gegensatze stehen. Wir müssen offen sagen, daß diese Entwicklung unsere schwergeprüfte und unglückliche Heimat in neue Gefahren hineintreibt. Mit größtem Schmerz müssen wir den Worten des englischen Außenministers recht geben, der sagte, es habe den Anschein, daß in Ungarn eine totalitäre Diktatur durch eine andere abgelöst werde.

Bedauerlich, daß wir das sagen müssen. Infolge gewisser Einwirkungen wird das ungarische Leben von einem totalitären System in das andere geschleudert.