Das neue Indien hat große wirtschaftliche Pläne: Ausbau der Industrie, die heimische Rohstoffe verarbeitet, Errichtung von Kraftwerken und wassertechnischen Bauten, um die Dürren überwinden zu können, Schaffung moderner chemischer und optischer Industrien und den Bau einer eigenen Handelsflotte. Das Programm ist auf lange Sichte gestellt. Die Inder wissenwohl, daß seine Verwirklichung nur mit der Hilfe industriell leistungsfähiger Länder möglich ist. Deshalb sind seit Verkündung der indischen Unabhängigkeit zahlreiche Missionen indischer Kaufleute und Industrieller in die Industrieländer Europas und Amerikas mit dem Auftrag entsandt worden, die Möglichkeit einer Zusammenarbeit zu erkunden.

Auch in Westdeutschland sind mehrfach Indische Abgesandte erschienen, um Besprechungen mit deutschen Wissenschaftlern und Exporteuren in Gang zu bringen. Dank dieser Initiative ist es erreicht worden, daß Indien zu den ersten Staaten gehört, die mit der Doppelzone einen Handelsvertrag abschlössen. Dies Abkommen sieht innerhalb eines Jahres (und zwar beginnend im Juli 1948) einen Warenverkehr von 20 Mill. $ (nordamerikanischer Währung) an deutschen Waren nach Indien gegen 12 Mill. $ indischer Waren nach Deutschland vor. Der Anfang schien vielversprechend, obwohl der vorgesehene Rahmen etwas enttäuscht hat: er umfaßt nur ein Achtel des Vorkriegsumsatzes. Die Enttäuschung ist seitdem gewachsen, denn die bis heute erzielten Umsätze lassen es fraglich erscheinen, ob selbst diese bescheidenen Summen streicht werden können. Bis zum 30. September lieferte Deutschland Waren im Werte von 1,4 Mill. $ nach Indien, während Indien einheimische Produkte in Höhe von 0,59 Mill. $ verschiffte.

Woran liegt diese negative Entwicklung? Deutsche Exporteure verweisen auf die hemmenden Ausfuhrvorschriften, besonders auf die Dollarklausel. Diese hat z. B. schon dazu geführt, daß mehrere Abschlüsse storniert wurden, weil man "drüben" die Einfuhrbewilligung auf Dollarbasis nicht erhalten konnte. Deutsche Kreise betonen, daß ein zufriedenstellendes Geschäft unmöglich ist; solange die Bizone als ein Hartwährungsland gilt. Auch die langen Lieferfristen, die die deutschen Werke für die Einrichtung von Textilfabriken, Wasserkraftanlagen u. a. m. verlangen müssen, und die bis zu zwei Jahren dauern, lähmen leider den Handel als Folgen der Rohstoffknappheit, ungenügender Produktionskapazität und vordringlicher Aufgaben für andere Rechnung.

Deutschland steht in Indien der Vorrangstellung der englischen Industrie gegenüber, die heute so unantastbar wie nur je erscheint. Wenn nun auch in Indien die Tendenz vorliegt, den Handel mit den kleineren ("neutralen") Nationen auszubauen, um sich aus der Abhängigkeit gegenüber den Großmächten zu lösen und eine größere Selbständigkeit in der Planung zu erreichen, so kann dies nur dann zum Vorteil der kleinen Nationen ausschlagen, wenn sie alles daran setzen, konkurrenzfähig aufzutreten.

Zweifellos müssen zunächst verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein, ehe diese die günstige Konjunktur ausnutzen können. Bei der Aufnahmefähigkeit des indischen Marktes und der Bereitschaft der indischen Partner, mit Deutschland wieder ins Geschäft zu kommen, dürfte es sich zweifellos lohnen, die Chancen wahrzunehmen. Indien wird für Jahrzehnte hinaus ein bedeutender Abnehmer moderner Industrieerzeugnisse bleiben. Was es zur Förderung seiner Industrie und Landwirtschaft besonders braucht, sind Einrichtungen für Spinnereien und Webereien, Anlagen der technischen, hauptsächlich der elektro – technischen Industrie, Wasserkraftanlagen, Halb- und Fertigfabrikate der Eisen- und Stahlindustrie, Chemikalien, Farbstoffe, optische Geräte und dergleichen. Dagegen kann es Jute, Schellack, Häute, Tee, medizinische Kräuter, Gewürze u. a. m. liefern – Materialien also, die in Deutschland begehrt sind.

Die Vertreter Indiens äußern bei ihren Deutschlandreisen auch den Wunsch nach stärkerer Zusammenarbeit mit deutschen Ingenieuren und Gelehrten, denen man interessante Arbeitsmöglichkeiten in Aussicht stellt. Weiterhin werden deutsche Firmen ermutigt, Niederlassungen in Indien zu gründen, unter der Voraussetzung, daß diese Unternehmen nur bis höchstens 49 v. H. des in Indien eingetragenen Grundkapitals besitzen dürfen. J. E.